Der Antiamerikaner, der Baseball liebte

CASTRO ⋅ Jesuitenschüler, Jurist, Guerillero, Staatsmann und Sportfan: Fidel Castro, der die Karibikinsel Kuba in die Weltgeschichte katapultiert hat, ist in der Nacht zum Samstag 90-jährig gestorben. Die Geschichte wird ihn wohl nur bedingt freisprechen.

26. November 2016, 23:00

Nun hat ihn seine düsterste Parole ereilt: «Socialismo o Muerte» – Sozialismus oder Tod. Ein halbes Jahrhundert lang hat der ewige Revolutionär Fidel Castro Kuba beherrscht und dieser Parole nachgelebt.

Berufsrevolutionäre werden aber nicht als solche geboren, sondern als Buben mit ganz normalen Bubenträumen. Jener von Fidel Castro war es, Baseball-Profi zu werden. Ein US-amerikanischer Bubentraum.

Vom Bubentraum zur Revolution

Aufgewachsen sind Fidel Castro und sein Bruder Raul – wie damals nur wenige kubanische Buben – als Sprösslinge einer wohlhabenden Grundbesitzerfamilie. Seine Schulbildung bekam Fidel im Schosse der katholischen Kirche, in einer Jesuitenschule. Später studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Havanna und wurde Anwalt. Politisch war Fidel damals ein Demokrat, engagiert gegen Korruption und soziale Ungleichheit. Er kandidierte 1952 für das kubanische Parlament. Wäre er gewählt worden? Man weiss es nicht. General Fulgencio Batista verhinderte die Wahlen mit einem Militärputsch. Es war das Ende des Demokraten Castro. Ein Jahr später organisierte Fidel mit seinem Bruder Raul und einer Handvoll Mitstreitern den Sturm auf die Moncada-Kaserne in der Stadt Santiago de Cuba unweit seines Geburtsortes Biran – und scheiterte. Fidel wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem er in Selbstverteidigung erklärt hatte: «Die Geschichte wird mich freisprechen.» Aus der Haft befreite ihn 1955 aber eine Amnestie. Castro ging nach Mexiko ins Exil. Diktator Batista machte Kuba derweil zum Casino und Bordell der US-Mafia – zu einem Gangster-Staat. Grund genug für Fidel, erneut Getreue um sich zu scharen, darunter den argentinischen Arzt Ernesto «Che» Guevara.

82 Kämpfer machten sich 1956 auf, Kuba zu befreien. Mit der Jacht «Granma» landeten sie am 26. Juni auf Kuba. Das Datum wurde zum Namen ihrer Bewegung. Fidel, Raul und Che führten sie nach einem dreijährigen Kleinkrieg in der Silvesternacht auf 1959 in die Hauptstadt Havanna an die Macht. Die Kommunistische Partei Kubas war an der Revolution nicht beteiligt. Noch während des Guerillakrieges hatte Fidel Castro 1958 erklärt: «Ich bin kein Kommunist und bin auch keiner gewesen. Wenn ich einer wäre, hätte ich den Mut, es zu verkünden.»

Kommunismus hin oder her: Einmal an der Macht, verkündete Fidel eine Parole, die den autoritären Charakter der neuen Herrschaft bereits 1961 andeutete: «Mit der Revolution geht alles, gegen die Revolution geht nichts.» Castro lancierte nicht nur eine Bodenreform zu Ungunsten kubanischer Grossgrundbesitzer, er nationalisierte auch US-Landgüter und Hotels. Im sich zuspitzenden Kalten Krieg zwischen den von den USA und der Sowjetunion geführten Blöcken war das Urteil schnell gefällt. Die USA verhängten umfassende Wirtschaftssanktionen gegen die Insel. Moskau sprang gerne in die Versorgungslücke.

In Miami, wohin viele Gegner Castros, aber auch in Ungnade gefallene Kampfgefährten geflüchtet waren, mangelte es nicht an Zeugen, die versicherten: Castro habe nie etwas anderes im Sinn gehabt als eine kommunistische Diktatur. Washington, das nur fünf Jahre zuvor Guatemala angegriffen hatte, weil dort die bürgerliche Regierung die United Fruit Company enteignet hatte, wollte nun auch Kuba «befreien». Eine vom Geheimdienst CIA konzertierte Invasion von Exilkubanern in der Schweinebucht scheiterte aber kläglich.

Ein System stirbt an Altersschwäche

Doch nun forderte die Sowjetunion den Preis für ihre Freundschaft. Moskau sah auf Kuba die Chance, vor der US-Küste eine atomare Drohkulisse gegen Washington aufzubauen. Darauf mussten die USA reagieren. Es wurde ein gefährliches Spiel, das die Welt an den Rand eines Atomkrieges führte. Mit einer Seeblockade erzwangen die USA den Rückzug sowjetischer Raketen. Ein Sieg für den jungen US-Präsidenten John F. Kennedy. Fidel erklärte beschönigend: «Die UdSSR hat nicht gezögert, zur Verteidigung unseres kleinen Landes das Risiko eines schweren Krieges auf sich zu nehmen.» Kuba war nun international abgestempelt. Ein kommunistisches Land, in dem Castro die bis dato kleine KP Kuba im Handstreich übernahm und zur Staatspartei der «Diktatur des Proletariats» machte. Auf der Insel ging nun alles seinen sozialistischen Gang: Parteiapparat, Geheimpolizei und Folter.

Gleichzeitig aber blieb das Regime des «Máximo Lider» in Kuba populär. Kostenlose medizinische Versorgung durch hervorragend ausgebildete Ärzte und Pflegefachleute funktionierte trotz Finanzmangel und veralteter Gerätschaften. Und der Analphabetismus, von dem vor der Revolution mehr als die Hälfte der Bevölkerung betroffen gewesen war, wurde in wenigen Jahren überwunden.

Doch das System Castro begann an Altersschwäche zu leiden – zuvorderst Fidel selber. Er wurde schwächer, gebeugter, und seine Stimme verlor die Kraft, mit der er jahrzehntelang die Massen in seinen Bann gezogen hatte. Aber Fidel blieb sich treu – bis hin zur Alterssturheit: «Die Ideen, für die ich ein Leben lang gekämpft habe, können nicht sterben», erklärte er noch 2003 an der Kundgebung zum 1. Mai.

Eine schwere Darmoperation zwang Fidel 2006 jedoch, die Macht im Lande seinem Bruder Raul zu übergeben. Und Raul zollte der Realität Tribut. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Scheitern des Öl-Sozialismus des Hugo Chávez verschärfte sich das wirtschaftliche Ausbluten Kubas derart, dass erste marktwirtschaftliche Reformen eingeführt werden mussten.

Gegen die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit den USA leistete Fidel Castro dann nur noch wenig beachteten Widerstand in der Parteizeitung «Granma»: «Wir haben es nicht nötig, dass das Imperium uns etwas schenkt.»

Fidel Castro bleibt nun erspart, was die meisten Kubaner hoffen: dass sich der Superkapitalist Donald Trump als US-Präsident gegenüber Kuba als cleverer Geschäftsmann verhält und nicht als sturer Ideologe. Die Parole «Sozialismus oder Tod» hat sich gegen den «Máximo Lider» gewandt. Er ist tot und der Sozialismus nur noch Staffage.

Walter Brehm

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Der frühere Präsident Kubas, Fidel Castro, ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Hier einige Impressionen aus seinem Leben.


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