Die Stadt, die Nein sagt

NEUE VERFASSUNG ⋅ Die Türkei entscheidet diesen Sonntag über eine neue Verfassung, die Erdogan mehr Macht einräumt. Auf Izmir, die drittgrösste Stadt des Landes, kann der türkische Premier allerdings kaum zählen.
16. April 2017, 08:02

Jürgen Gottschlich

Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass Izmir anders ist. Anders als in Istanbul, in Ankara, Bursa oder Adana ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Izmir nicht omnipräsent. Auch die in der übrigen Türkei allgegenwärtigen «Evet»-Plakate, mit denen für die Zustimmung zum Verfassungsreferendum an diesem Wochenende geworben wird, muss man in Izmir suchen. «Izmir ist smarter», sagt Tunc Soyer lachend und zeigt auf die Buttons, die auf dem Markt von Seferihisar viel zu sehen sind. Darauf steht «Yetti Gari». Das meint so viel wie: «Es reicht.» Die Bürger von Izmir sind schon länger davon überzeugt, dass es genug ist mit den Zumutungen von Recep Tayyip Erdogan, sagt Tunc Soyer.

 

Soyer ist 56 Jahre alt und Bürgermeister von Seferihisar. Der Vorort von Izmir liegt idyllisch am Meer und ist am Wochen­ende ein beliebter Ausflugsort. In der Altstadt findet jeden Sonntag ein Markt für lokale Spezialitäten statt, den Soyer vor ein paar Jahren ins Leben gerufen hat. Den Markttag nutzt er nun, um im persönlichen Gespräch für ein Nein zu werben. Während die Menge sich mühsam zwischen den Ständen hindurchschiebt, ist Tunc Soyer mittendrin. Seine markante Glatze verschwindet immer wieder im Gewühl, jeder kennt ihn, und jeder will mit ihm reden.

Soyer ist ein aufgehender Stern am Izmirer Polithimmel. Er sprüht vor Ideen und Energie, diese umzusetzen. Er ist Mitglied der sozialdemokratisch-kemalistischen CHP, denn das ist Voraussetzung, um in Izmir politisch etwas zu erreichen. Das «Nein», glaubt Soyer, hat nichts damit zu tun, dass die Leute die CHP so gut finden. «Die Leute sagen Nein zu Erdogans Präsidialverfassung, weil sie das als einen Angriff auf ihr Leben, auf ihren Lebensstil empfinden.»


Seit Jahrzehnten wird Izmir schon von der CHP regiert. Doch nie sass die Partei in Izmir so fest im Sattel wie seit dem Amtsantritt von Erdogan. Izmir und die islamische AKP sind zwei völlig unterschiedliche Welten. Seit die AKP von Recep Tayyip Erdogan 2002 erstmals bei Wahlen antrat, hatte sie in Izmir nie eine Chance. Weder bei Parlaments- noch bei Kommunalwahlen schaffte die AKP je mehr als 30 Prozent. «Bei der Volksabstimmung am 16. April wird Izmir mit mindestens 70 Prozent Nein stimmen», ist Tunc Soyer überzeugt.

In Izmir empfinden viele Erdogan als eine Zumutung

Warum das so ist, versucht Sema Pekdas, die Chefin des zentralen Innenstadtbezirkes Konak, zu erklären. «Die Menschen in Izmir empfinden Erdogan und die AKP als eine Zumutung», sagt Sema Pekdas und lächelt zufrieden. Für die AKP sei Izmir die «Stadt der Ungläubigen». «Es war von Beginn an das Ziel der AKP, Izmir wie eine feindliche Stadt zu erobern. Die Menschen spüren das und setzen dem ihren Widerstand entgegen.»


Izmir ist mit 4 Millionen Einwohnern die drittgrösste Stadt des Landes. Die Metropole an der Ägäis ist das Herz des mediterranen Teils der Türkei. Anders als die Touristenmetropole Antalya im Süden ist Izmir schon immer das ökonomische und kulturelle Zentrum der Küste.

Heute sind in Izmir viele davon überzeugt, dass die APK viel unternimmt, um ihre Stadt bewusst zu schwächen. Ein gutes Beispiel sei der Hafen, empört sich Zeynep Altiok. «Der Hafen gehört dem Verkehrsministerium, und das tut alles, damit er nicht prosperiert», behauptet sie. Doch der Attraktivität der Stadt tut dies keinen Abbruch. Seit einigen Jahren verzeichnet Izmir einen stetigen Zuzug von jungen, gut ausgebildeten Leuten wie Zeynep Altiok. Moderne Türken, die von dem islamistischen Druck der AKP die Nase voll haben, aber nicht ins Ausland können, gehen nach Izmir. «Das ist noch keine Massenbewegung», sagt Zeynep Altiok, «aber es werden immer mehr.»

Junge Politiker wie Zeynep Altiok und Tunc Soyer repräsentieren das moderne, weltoffene Izmir. Altiok sitzt im Parlament im Menschenrechtsausschuss und setzt sich für die Roma und die in grosser Zahl aus dem Osten zugewanderten Kurden ein. Sie ist eine klassische linke Aktivistin, die schon als Kind politisiert wurde, als ihr Vater bei einer alevitischen Konferenz im zentralanatolischen Sivas 1993 getötet wurde. Ein islamistischer Mob zündete damals das Hotel an, in dem die Konferenz stattfand. Ihr Vater starb zusammen mit 36 anderen Teilnehmern.

Die Familiengeschichte von Tunc Soyer ist nicht so dramatisch. Sein Vater war einer der bekanntesten Juristen des Landes. Auch Tunc Soyer absolvierte die renommierte juristische Fakultät der Universität von Ankara, engagierte sich dann aber mehr in der Kommunalpolitik von Izmir. Er stieg zum obersten Tourismusmanager der Stadt auf und leitete das Komitee, das die Bewerbung Izmirs für die Internationale Weltausstellung «Expo 2015» entwarf und vertrat. Als die Bewerbung, auch mangels Unterstützung der Erdogan-Regierung, im März 2008 scheiterte und Izmir gegen Mailand verlor, gab Soyer seinen Job als Tourismusmanager auf und bewarb sich für den Bürgermeisterposten in Seferihisar.

In dem grossen Atelier am Strand von Urla, einem Vorort von Izmir, ist die islamische Türkei Erdogans besonders weit entfernt. Unter einem grossen Zeltdach bastelt Osman Erkut an einem Nachbau eines Handelsschiffes aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Osman hat den Kiel aufgelegt und die ersten Spanten gesetzt. Er ist kein professioneller Archäologe, sondern ein Mann aus wohlhabendem Haus, der sich als Künstler der antiken ­Ägäis verbunden fühlt. Er wird von der Stiftung einer grossen türkischen Industrieholding unterstützt und arbeitet mit der Marinefakultät der Izmirer Universität zusammen. «Während Erdogans AKP aus der Steppe kommt und nach Mekka schaut, schauen wir aufs Meer», beschreibt er seine Lebensphilosophie. «Sollte Erdogan am 16. April gewinnen, werden wir die Kybele wieder ins Wasser lassen und nach Westen segeln.»


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