Grosse Auswanderungswelle aus dem Belpaese

ITALIEN ⋅ Die Krise und die Vetternwirtschaft vertreiben immer mehr Italiener aus dem eigenen Land: Letztes Jahr sind 115'000 Personen aus dem Belpaese ausgewandert. Damit befindet sich die Auswanderung aus Italien auf einem Rekordhoch.
12. April 2017, 08:26

Dominik Straub, Rom

Schlagzeilen macht Italien normalerweise eher mit Einwanderung als mit Auswanderung: Im vergangenen Jahr sind 180'000 hauptsächlich afrikanische Bootsflüchtlinge an den Küsten von Sizilien und Kalabrien gelandet – ein neuer Rekordwert. Und der Ansturm der Armutsmigranten und Kriegsflüchtlinge hält weiterhin an.

Doch im Schatten dieser Einwanderungswelle spielt sich in Italien auch ein Drama mit genau umgekehrten Vorzeichen ab: Rund 115'000 Italiener haben ihr Land im vergangenen Jahr verlassen – so viele wie seit der letzten grossen Auswanderungswelle in den 1970ern nicht mehr. Die Zahl der Emigranten entspricht ungefähr der Bevölkerung einer Stadt wie Vicenza.

Seit Beginn der hartnäckigsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit im Jahr 2006 hat die Zahl der Italiener, die ihr Glück ausserhalb der Heimat suchen, jedes Jahr zugenommen. Laut dem italienischen Aussenministerium, das ein Register der im Ausland gemeldeten Landsleute führt, ist die Zahl der Ausland­italiener von 2006 bis 2016 von etwas mehr als drei Millionen auf fast fünf Millionen gewachsen. Das sind freilich nur die amtlichen Zahlen. Sie basieren auf den Angaben der Gemeinden, bei denen sich die Auswanderer abgemeldet haben. Da aber viele Italiener ihr Land verlassen, ohne sich regulär abzumelden, dürften die effektiven Auswanderungszahlen noch deutlich höher liegen.

Die neue Auswanderungswelle hat bedenkliche Ausmasse angenommen – vor allem deshalb, weil immer mehr gutausgebildete Italiener ihr Land verlassen. Im Unterschied zu früher, als viele der Emigranten kaum lesen und schreiben konnten, sind heute die meisten italienischen Auswanderer gut bis sehr gut qualifiziert: Laut dem Statistikamt Istat besassen von den Auswanderern der letzten sieben Jahre 48 Prozent einen Hauptschulabschluss, 30 Prozent ein Berufsdiplom oder eine Matura (Abitur) und 22 Prozent einen Universitätsabschluss. Italien zahlt dafür einen hohen Preis: Laut einer Studie sind von 2008 bis 2015 durch die Auswanderung rund 23 Milliarden Euro an Bildungsinvestitionen ans Ausland verlorengegangen.

Mehr Auswanderer gehen nach Fernost

Interessanterweise wandern auch immer mehr ältere Personen aus: Laut einer Studie des Verbands kleiner und mittlerer Unternehmen hat die Zahl der 40- bis 49-jährigen Auswanderer zwischen den Jahren 2008 und 2014 um 85 Prozent zugenommen – der mit Abstand grösste Zuwachs innerhalb der verschiedenen Altersgruppen.

Immer mehr Italiener versuchen ihr Glück ausserdem in China und anderen Ländern des Fernen Ostens. Die beliebtesten Zielländer bleiben Deutschland und Grossbritannien mit je rund 16'500 italienischen Einwanderern sowie die Schweiz und Frankreich mit je rund 11'000.

Hauptgrund für die Auswanderung sind die schlechten Berufs- und Karriereaussichten in Italien: Die Arbeitslosenrate beträgt derzeit 11,5 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar bei über 35 Prozent.

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Grund ist aber auch die verbreitete Vetternwirtschaft: In Italien nützt oft das beste Abschlusszeugnis oder Staatsexamen nichts, wenn man keinen «santo in paradiso» (Heiligen im Paradies) hat. So werden in Italien die einflussreichen Leute in der Politik, in den staatlichen Grossunternehmen und der Verwaltung genannt, die Stellenausschreibungen meist nach Belieben dirigieren und manipulieren können.

Ausgerechnet Arbeitsminister Giuliano Poletti hat diese für Millionen junge Italiener frustrierende Praxis unlängst bestätigt: «Ein Fussballspielchen mit den richtigen Leuten schafft oft bessere Jobmöglichkeiten als das Einsenden des Curriculums», hat der sozialdemokratische Minister vor einigen Tagen verlauten lassen.

Politik toleriert Vetternwirtschaft

Polettis Feststellung tönte nicht nach Kritik, sondern eher wie eine Ermunterung, sich ebenfalls um ein Beziehungsnetz zu bemühen. Der Minister weiss, wovon er redet: Polettis Sohn hat eine gutbezahlte Stelle bei einer Zeitung erhalten, die vom Staat mit jährlich 190000 Euro subventioniert wird. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.

Das Problem ist offensichtlich: Diejenigen, die an der Vetternwirtschaft etwas ändern könnten – Minister, Unternehmer und hohe Funktionäre –, haben an Veränderungen kein Interesse, weil sie das Problem nicht betrifft: Sie werden für die eigenen, aber auch die Kinder ihrer Verwandten und Bekannten immer einen guten Posten finden. Und mögen diese noch so unbegabt sein.


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