Illegaler Immigrant – seit 76 Jahren

FLUCHT ⋅ Wie der Berliner Fritz Lustig 1939 in England Zuflucht fand und was der mittlerweile 97-Jährige von der britischen Flüchtlings- und Europapolitik hält.

16. Oktober 2016, 05:11

Die EU-Referendumskampagne war von Einwanderungsängsten dominiert. Seit dem Austrittsvotum ist die Zahl fremdenfeindlicher Angriffe um 40 Prozent nach oben geschnellt. Gegen den Protest von Hilfsorganisationen und Parlamentariern verzögert die Innenministerin seit Monaten die eigentlich zugesagte Aufnahme von jährlich 4000 Syrien-Flüchtlingen. Im französischen Küstenort Calais stauen sich die Migranten, die auf die Insel wollen. 300 Minderjährige, hat Theresa Mays konservative Regierung nun verkündet, werde man «in den nächsten Tagen» aufnehmen.

«Die Einstellung der Regierung ist widerlich», sagt Fritz Lustig. Die Stimmung im Land erinnere ihn an seine eigene Ankunft auf der Insel. Die ist 77 Jahre her – der junge Berliner war 20, als er im Frühjahr 1939 vor den Nazis fliehen musste. Von seinem Geburtsland hatte er sich emotional verabschiedet in dem Moment, als er in Hamburg das Schiff nach London betrat. Doch die Ankunft in der neuen Heimat stellte nicht die erhoffte Befreiung dar. «Ich war seit Jahren daran gewöhnt gewesen, mich zu verstellen, um keinen Preis aufzufallen, keinen Fehler zu machen. In England, dachte ich, wird alles anders. Aber die Stimmung gegenüber Flüchtlingen, zumal jüdischen aus Deutschland, war schlecht. Und ich mit meinem deutschen Namen und deutschen Akzent musste mich wieder zurückhalten, möglichst wenig sprechen, nicht auffallen.»

Einer der letzten lebenden Lauscher

Vor uns sitzt ein schlanker, tadellos gekleideter Mann mit buschigen Augenbrauen im markanten, schmalen Gesicht. In den letzten Jahren ist der 97-Jährige immer wieder nach seinem langen Leben gefragt worden – nach der Jugend in Berlin natürlich, der Flucht nach Grossbritannien und seiner kurzzeitigen Internierung im Krieg als «freundlicher Feindausländer» (friendly enemy alien). Besonders interessieren sich die Nachgeborenen für den faszinierenden Dienst, den Lustig in britischer Uniform leistete: Wie mehrere hundert deutsche Emigranten arbeitete er beim geheimen Abhördienst an der Aufgabe, aus den Gesprächen deutscher Kriegsgefangener kriegswichtige Informationen zu gewinnen. Das war zwar nach dem Genfer Abkommen von 1929 verboten, lieferte aber Premier Winston Churchill zufolge entscheidende Informationen: «Ohne diese Aktion hätten wir den Krieg womöglich nicht gewonnen.»

Berühmt geworden ist vor allem Trent Park House im Norden Londons, wo in den letzten Kriegsjahren bis zu 59 Generäle untergebracht waren, darunter Prominente wie Dietrich von Choltitz, der letzte Wehrmachtsbefehlshaber von Paris. Für die Umwandlung des kleinen Schlosses in ein Museum macht sich Lustig stark, obwohl er selbst dort nicht eingesetzt war. Die Historikerin Helen Fry unterstützte er bei Recherchen über die «heimlichen Lauscher, die die Nazis abhörten», so der Untertitel von Frys Buch «M-Room». Lustig gehört zu den letzten noch lebenden Lauschern.

Teils aus eigenem Bedürfnis, teils wegen der Neugierde der Nachgeborenen hat der 97-Jährige also immer wieder in seinen Erinnerungen gekramt. Aber er schwelgt nicht darin, geschweige denn, dass er ihnen nachhinge. Er lebt im Hier und Jetzt, liest täglich den linksliberalen «Guardian», tauscht sich mit seinem älteren Sohn, einem bekannten früheren BBC-Journalisten, übers Weltgeschehen aus, ärgert sich über die schlechten Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs in den Süden der Stadt, wo seine Freundin wohnt. Vor allem spielt Fritz Lustig bis heute jede Woche Cello – Musiker war einst sein Berufswunsch. Dem Vorhaben machten die Nazis einen Strich durch die Rechnung, wie den Zukunftsplänen von Millionen in vielen Ländern Europas. Lustig blieb zeit seines Lebens begeisterter Amateur-Cellist. «Musik ist meine Religion», sagt er. «Eine andere habe ich nicht.»

Hitlers Machtübernahme: Erst Spektakel, dann Bedrohung

Wir sprechen Englisch, nur hin und wieder behilft sich Lustig mit einem deutschen Wort: «hochherrschaftlich», «Muskelschwund», «Schlagmann». Er berichtet sachlich, beinahe kühl. Fragen nach seinen Gefühlen perlen an ihm ab. Nüchtern schildert er die Szene, als der damalige Premierminister Neville Chamberlain am 3. September 1939 Hitlers Überfall auf Polen mit der Kriegserklärung an Deutschland beantworten musste. Der junge Immigrant hörte die live übertragene Rede aus der Downing Street im Hause befreundeter englischer Wissenschaftler und im Beisein seiner älteren Schwester. «Die rannte auf ihr Zimmer und weinte», erzählt Lustig. «Wir hatten Angst um unsere Eltern, die waren noch in Berlin.»

Die deutsche Hauptstadt war im Denken des 20-Jährigen eine Chiffre für Feindschaft und persönliche Bedrohung geworden. Dabei war er 1919 in eine gutpreussische, wohlsituierte Berliner Bürgerfamilie geboren worden. Schon die Grosseltern hatten sich der jüdischen Religion ihrer Vorfahren entfremdet, die Eltern liessen ihre vier Kinder protestantisch taufen und konfirmieren, ohne aber den neuen Glauben zu leben. Dass der Nachgeborene den kerndeutschen Namen Fritz erhielt, war ein Statement der Staatstreue – ein Bild des «Alten Fritz», des legendären preussischen Königs Friedrichs II. (1740–1786), zierte den Schreibtisch des Pennälers in der 7-Zimmer-Wohnung im bürgerlichen Stadtteil Schöneberg.

Den Einbruch der nationalistischen Barbarei erlebte der 14-Jährige am Prinz-Heinrich-Gymnasium. Zunächst war Hitlers Machtübernahme nur ein Spektakel: Lustig erinnert sich an eine Theaterprobe am Nachmittag des 30. Januar 1933, die wegen des Vorbeimarsches dröhnender SA-Formationen unterbrochen werden musste. Bald wurde der als Reformpädagoge bekannte Direktor abgelöst. Beim neuen Mann, einem eingefleischten Nazi, begann die wöchentliche Versammlung mit dem gebrüllten Hitler-Gruss. Die Väter zweier «nichtarischer» Mitschüler, ein Arzt und ein Zahnarzt, durften keine «arischen» Patienten mehr behandeln. Lustigs eigener Vater verlor die Stellung, seine Tante wurde als Lehrerin zwangspensioniert. Die Nürnberger Rassengesetze von 1935 stellten sexuelle Beziehungen zwischen «Ariern» und «Nichtariern» unter Strafe. «Ich musste aufhören, auf der Strasse Mädchen anzulächeln, was mir nicht leicht fiel. Überhaupt: möglichst wenig auffallen. Als Kind soll ich sehr redselig gewesen sein. Das änderte sich.»

In Lustigs letztem Schuljahr vor dem Abitur 1937 gehörten 94 Prozent der Mitschüler einer NS-Organisation wie Hitlerjugend oder SA an. Belästigungen aber blieben aus. Die meisten Lehrer ­seien deutschnational und kaisertreu, keine Nazis gewesen, sagt Lustig und bestätigt damit das Verdikt des zwei Jahre älteren, später als marxistischer Historiker berühmt gewordenen Eric Hobsbawm: «eine elitäre Schule, aber keine Nazischule». Dankbar erinnert sich Lustig an einen Turnlehrer, der ihn beim Vornamen rief statt wie üblich beim Nachnamen – ein winziges Zeichen der Solidarität mit dem Verfolgten.

Sein Visum war nur für ein Jahr gültig

Erst die pogromartigen Verfolgungen nach der sogenannten Reichskristallnacht vom 9. November 1938 machten den Hoffnungen der Eltern auf einen Verbleib in Deutschland ein Ende. «Von da an ging es nur noch um Emigration: Was macht dein Antrag? Wohin gehst du?» Für den als Büroangestellter arbeitenden 20-Jährigen löste sich die Frage des Wohin auf wunderbare Weise. Im Sommer 1936 hatte Lustig sieben Wochen auf Vermittlung von Quäkern bei einer Familie in Letchworth bei London verbracht, war seither in Kontakt geblieben. Wenige Tage nach der Kristallnacht erreichte ihn ein Brief aus Letchworth: «Wollen Sie nach England kommen?» Die Initiative der gänzlich unpolitischen Durchschnittsfamilie war Gold wert, schliesslich hatten die Lustigs von jüdischen Hilfsorganisationen keine Unterstützung zu erwarten.

Und so kam der unbegleitete junge Mann ohne Berufsausbildung im April 1939 in England an. Das Visum zur Lehre bei einem Bauunternehmen galt nur für ein Jahr lang, anschliessend sollte Lustig in eine der früheren Kolonien Kanada, Australien oder Neuseeland weiterreisen. Dieser Auflage machte der Krieg einen Strich durch die Rechnung. «Streng genommen bin ich also illegaler Immigrant, seit 76 Jahren», sagt Lustig und lacht. In Wirklichkeit verdiente er sich die britische Staatsbürgerschaft durch sechs Jahre Dienst in Uniform – zunächst als Cellist im Pionier-Orchester, dann als Angehöriger des geheimen Horchregiments. Nach Kriegsende war Lustig noch ein Jahr im besetzten Deutschland stationiert, schaffte einmal auch den Besuch in der zerstörten Geburtsstadt. «Das war nicht mehr meine Heimat.» Bei diesem kühlen, unemotionalen Verhältnis ist es geblieben. Es hat sicher damit zu tun, dass allen engen Verwandten, auch den Eltern, rechtzeitig die Flucht gelang. Lustigs aus Breslau stammende, vor drei Jahren verstorbene Frau Susan hingegen konnte ihre Ablehnung gegenüber der alten Heimat nie überwinden, aus gutem Grund: Ihre Mutter wurde 1941 von den Nazis ermordet.

Sebastian Borger/London


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