Nordkorea droht USA mit Vergeltung

SPANNUNGEN ⋅ Pjöngjang betrachtet die Entsendung von US-Flugzeugträgern auf die Koreanische Halbinsel als Vorbote einer Invasion und warnt die USA vor Konsequenzen. Südkorea rechnet mit einem neuen Atomtest.
12. April 2017, 08:36

Nordkoreas Reaktion liess nicht lange auf sich warten. Nachdem US-Präsident Donald Trump am Wochenende eine Flotte vom Südchinesischen Meer zur Koreanischen Halbinsel geschickt hat, folgen nun Verbalattacken aus Pjöngjang. Das Land werde die «härtesten Gegenmassnahmen gegen die Provokateure treffen», verkündete das nordkoreanische Aussenministerium. Man werde die USA für die «katastrophalen Folgen ihrer ungeheuerlichen Massnahmen zur Verantwortung ziehen». Nordkorea sei «auf jede von den USA gewünschte Art von Krieg bereit», schrieb die Nachrichtenagentur KCNA.

Fast zeitgleich zum US-Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping vergangene Woche hatte Nordkorea eine ballistische Rakete abgefeuert. Es handelt sich bereits um den fünften Raketentest seit Jahresbeginn.

Trump erfreut sich momentan im eigenen Land und weltweit wachsender Zustimmung. Er hatte vergangene Woche infolge eines Giftgasangriffs auf eine Rebellenhochburg im syrischen Idlib überraschend eine syrische Luftwaffenbasis bombardieren lassen. Um auch gegenüber Nordkorea Stärke zu demonstrieren, verlegten die USA am Wochenende den Flugzeugträger USS Carl Vinson sowie mehrere Kreuzer und Zerstörer in Richtung Koreanische Halbinsel.

Die Flotte war erst zu Beginn des Jahres vom kalifornischen San Diego in den westlichen Pazifik verlegt worden und patrouillierte zuletzt im Südchinesischen Meer. Die Flottenverlegung richtete sich eigentlich gegen China, das sich mit sämtlichen Anrainerstaaten um Territorien streitet.

Doch nun scheinen sich die Koordinaten geändert zu haben. Obwohl es bei der ersten Zusammenkunft zwischen Trump mit Chinas Staatschef Xi zu keinen konkreten Ergebnissen gekommen ist, scheinen sich die beiden Staatschefs angenähert zu haben. Trump meldete sich einen Tag nach dem Besuch über Twitter zu Wort und sprach von «Wohlwollen» und «Freundschaft».

China verhängt Importstopp nordkoreanischer Kohle

Auch China reagierte unmittelbar. Noch am vergangenen Freitag, dem Tag des Treffens von Xi und Trump, wies die Regierung in Peking sämtliche Importeure an, keine Kohle mehr aus Nordkorea anzunehmen. Wie Satellitenaufnahmen zeigen, ist eine Flotte nordkoreanischer Schiffe von chinesischen Häfen abgewiesen und vollbeladen zurückgekehrt.

Kohle ist eine der wichtigsten Einnahmequellen für Nordkorea. China hatte zwar schon zuvor zugesagt, die UNO-Sanktionen mitzutragen und diese Einnahmequelle zu unterbinden. Doch zuletzt machten die Chinesen immer wieder Ausnahmen mit der Begründung, die Menschen in dem völlig abgeschotteten und verarmten Land würden ansonsten verhungern. Um den Kohlebedarf der Chinesen zu decken, sind nach Angaben chinesischer Medien nun die USA als Lieferanten eingesprungen.

Auch das scheinen Xi und Trump am Wochenende ausgemacht zu haben – und dürften damit den Handelsstreit zumindest abgemildert haben. Zuvor hatte der US-Präsident noch das gigantische Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber China kritisiert und mit Strafzöllen auf chinesische Importe gedroht.

Doch inwieweit die USA und China bei Nordkorea insgesamt nun an einem Strang ziehen, ist nicht bekannt. Auch Peking kritisiert aufs Schärfste das Atom- und Raketenprogramm des Diktators Kim Jong Un und hat das Regime mehrfach dazu aufgefordert, die Aufrüstung zu stoppen. Den totalen Zusammenbruch Nordkoreas will die chinesische Führung aber nicht riskieren – zu gross ist Pekings Angst, US-Truppen könnten unmittelbar vor der chinesischen Grenze stehen.

Südkorea rechnet bereits in den nächsten Tagen mit «weiteren Provokationen» aus dem Norden. Nach den Worten des amtierenden Präsidenten Hwang Kyo Ahn sei angesichts der Tagung der Obersten Volksversammlung in Pjöngjang sowie des 105. Geburtstages von Staatsgründer Kim Il Sung am Samstag sogar ein neuer Atomtest denkbar.

 

Felix Lee, Peking


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: