Sie bahnen den Weg nach Mossul

NORDIRAK ⋅ Kurdische Peschmerga-Gruppen haben den Weg für die Einnahme von Mossul freigemacht. Ihr Vorrücken gibt einen Einblick in den Alltag des IS.

23. November 2016, 17:03

Zur Eroberung von Baschika hatte Peschmerga-General Mahram Yasin eine Streitmacht von mehr als 3000 Mann aufgeboten. «Um sich gegen die IS-Terroristen ohne allzu hohe Verluste durchzusetzen», erklärt der Kommandant der kurdischen Guerilla-Armee mit leiser Stimme, «brauchten wir eine zehnfache Überzahl.» Von einer Anhöhe blicken wir auf die Ebene von Baschika, die im Nordosten durch einen Gebirgszug begrenzt wird, hinter dem sich ein türkisches ­Armeekorps verschanzt hat. Am tiefblauen Himmel dröhnen Kampfflugzeuge der Alliierten. Noch immer deutlich hörbar werfen sie 25 Kilometer weiter westlich, in Mossul, ihre Bomben ab.

Ohne die Unterstützung der Luftwaffen aus mehr als zehn westlichen Staaten hätte der Kampf um Baschika vermutlich länger als nur 48 Stunden gedauert. Gut eine Woche lang war das an einer strategischen Strassenkreuzung gelegene Hauptquartier des sogenannten Islamischen Staates bombardiert worden. Erst als nur noch Moniereisen aus den Trümmern ragten, erfolgte der Angriff der Peschmergas, denen sich knapp 300 Dschihadisten entgegenstellten. «Wie Ratten krochen sie aus den Trümmern», erzählt Mustafa, der 13 Kilometer östlich von Mossul unsere Sicherheit garantieren soll. Dazu gehört auch die ständig wiederholte Versicherung, dass in Baschika alles «no problem» sei, es keinen Grund mehr gäbe, sich vor dem IS zu fürchten. Von den knapp 300 islamistischen Verteidigern seien 160 getötet worden. Der Rest sei nach Mossul geflüchtet, behauptet Mustafa, der über die eigenen Verluste zunächst nicht sprechen will, auf einmal aber etwas bedrückt wirkt.

Abstieg ins Tunnelsystem

«Dort vorne», flüstert er schliesslich und zeigt auf einen Olivenbaum, hinter dem sich einer der Eingänge zum Tunnelsystem des IS in Baschika verbirgt, «haben sie einen meiner Kameraden erschossen.» Auch uns beschleicht nun ein mulmiges Gefühl, als wir die 15 hohen Stufen hinunter in das stockdunkle Tunnellabyrinth steigen. Mit der funzligen Taschenlampe seines Handys leuchtet Mustafa den Weg. Erst jetzt fällt ihm ein, dass «hier vielleicht noch nicht alle Sprengfallen des IS beseitigt worden sind». «Selbst Unverdächtiges» sollte man daher besser nicht anfassen. Ansonsten sei alles «no problem». Nach dem gebückten Abstieg in die unterirdischen Gänge können wir nun aufrecht stehen. Von dem anderthalb Meter breiten Haupttunnel zweigen in Abständen von fünf bis acht Metern kleinere Tunnel ab, an deren Ende sich die mit Pressspan und Aluminiumplatten verkleideten Schlafkojen der Terroristen befinden. Ihre Betten waren noch gemacht. Eine mit Blumen gerahmte Spruchtafel des Propheten Mohammed verkündet neben einem Deckenventilator, dass «Reinheit die Hälfte des wahren Glaubens» sei.

Auch in der gut ausgestatteten Küche, in der wir über halb verfaulte Zwiebeln stolpern, werden die «lieben Brüder des Kalifats» an die «Sauberkeit» erinnert. Sie sei auch der «Schlüssel zum Gebet». Wer mehr wissen will, kann den Koran ausführlich studieren. Die heilige Schrift der Muslime, in mehrfacher Ausfertigung, ist neben einem Urdu-Arabisch-Wörterbuch und einem tschetschenischen Leitfaden zum Bombenbau in russischer Sprache die einzig geduldete Lektüre in der islamistischen Unterwelt. Auch auf der Pinnwand in der mit Säcken getrockneter Bohnen, Sonnenblumenöl, türkischen Datteln und irakischen Geschirrspülmitteln gefüllten Vorratskammer steht die Aufforderung an die Kämpfer, das Zwiegespräch mit dem Allmächtigen nicht zu vergessen. Die richtige Gebetsrichtung ist in allen grösseren Räumen markiert, billige Gebetsteppiche liegen auf einem Kühlschrank, dessen in Plastikplanen eingewickelte Inhalte einen ekelhaft süsslichen Duft verbreiten. Erst vor drei Tagen hätten die Stromgeneratoren aufgehört zu arbeiten, erzählt Mustafa und zeigt auf die professionell verlegten Strom- und Wasserleitungen an den Gangwänden.

Obwohl Mustafa ein hervorragender Führer war, mochten wir uns nicht allzu lange in dem Labyrinth aufhalten. Das Gestein, in das die Tunnel gegraben wurden, war stellenweise porös und brüchig. Dennoch wurde, bis auf Sandsäcke und Holzbalken am Eingang, auf das Abstützen der Stollen verzichtet. Sieht man von einem Berg von Kalaschnikow-Patronen und einigen Kilo Plastiksprengstoff einmal ab, schienen die Dschihadisten alle Waffen mitgenommen zu haben.

Bis zu 200 Terroristen sollen in den Tunnelanlagen gewohnt haben, berichtet Peschmerga-Kommandant Mahram Yasim. Mehr als zwei Drittel von ihnen seien Iraker gewesen. Zudem habe man Ausweisdokumente aus Katar, Saudi-Arabien, den Malediven, dem Sudan und aus Bosnien-Herzegowina gefunden.

Zivilisten werden «zwangsverpflichtet»

In russischen Bergwerken erprobte Bohrmaschinen würden beim Tunnelbau verwendet. Wo immer der IS eine Ortschaft erobere, begännen die Terroristen sofort mit dem Bau von unterirdischen Gangsystemen. Die Ausführenden seien vor allem Zivilisten, die vom IS «zwangsverpflichtet», für ihre Arbeit aber bezahlt würden.

Fünf Tage habe es gedauert, die Tunnel von Baschika zu säubern. Dennoch sei es den Dschihadisten noch in der dritten Novemberwoche gelungen, «aus dem Nichts» einen selbstmörderischen Gegenangriff zu starten. Für die irakischen Kurden ist der Kampf um die Stadt Mossul mit der Befreiung von Baschika vorerst beendet.

Er sei «wirklich froh», gibt Mustafa auf der Rückfahrt nach Erbil zu, dass seine Leute nicht nach Mossul selbst einrücken müssten. Nicht zuletzt wegen der riesigen Tunnelanlagen in der Millionenstadt komme die angreifende irakische Armee dort nur sehr langsam voran. Ihre Verluste seien gewaltig.

Michael Wrase/Baschika


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