Sind die Menschenrechte westlich?

SOZIOLOGIE ⋅ Der Sozialphilosoph Hans Joas untersucht die Ursprünge der Menschenrechte. Den Westen ruft er zu Selbstkritik auf.

28. November 2016, 05:00

Hans Joas, in Ihrer Untersuchung «Sind die Menschenrechte westlich?» sagen Sie, dass die Menschenrechte kein genuin westlicher Wert sind, und rufen den Westen zu Reflexion und Selbstkritik auf. Meinen Sie mit der Behauptung, dass die Menschenrechte nicht westlich seien, in erster Linie das Versäumnis des Westens, die für sich beanspruchten Werte auch konsequent anzuwenden – oder hat sich die Idee der Menschenrechte tatsächlich in verschiedenen Kulturkreisen unabhängig voneinander entwickelt?

Wenn man fragt, wo und wann die Menschenrechte im Sinne eines religiösen oder philosophischen Ethos – also als moralischer Universalismus – entstanden sind, dann ist die Antwort: vor ungefähr 2500 Jahren, in der sogenannten Achsenzeit, in verschiedenen Kulturen, nicht nur im Westen. Wenn man unter Menschenrechten die ersten juristischen Kodifikationen versteht, ist das zuerst geschehen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Rahmen der amerikanischen und der Französischen Revolution. Das sind zwar zwei westliche Länder, jedoch sind in keinem anderen westlichen Land zur damaligen Zeit solche Erklärungen entstanden. An der Entstehung eines transnationalen Regimes zur Garantie der Menschenrechte in Form der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wiederum waren keineswegs nur westliche Autoren entscheidend beteiligt. Sie haben aber noch auf etwas anderes angespielt: Wie sehr haben sich die westlichen Länder – speziell auch ausserhalb Europas – an ihre angeblichen Werte gehalten? Da kommt man zu einem ernüchternden Resultat. Zwar wurde im 18. Jahrhundert in Europa die Folter als legitimer Bestandteil des Rechtssystems abgeschafft, aber nicht in den Kolonien und dort auch nicht im 19. oder 20. Jahrhundert.

Wenn wir beim moralischen Universalismus bleiben: Beobachten Sie Gemeinsamkeiten, die in verschiedenen Kulturräumen zur Idee der Wertschätzung des Individuums geführt haben?

Der zentrale Zusammenhang besteht zwischen der Geschichte des archaischen Staates und der Entstehung eines Begriffs von Menschheit. Aufgrund der expansiven Tendenz der ersten grossen Staatswesen, etwa Ägyptens, Mesopotamiens, des Perserreichs, fühlten sich zum Beispiel die Juden und die Griechen in der Antike zutiefst bedroht. Die ersten Formulierungen des moralischen Universalismus haben sich in einem Milieu entwickelt, in dem es durch die grossen Reichsbildungen zum ersten Mal Vorstellungen davon gab, dass ein Gemeinwesen nicht auf Zusammengehörigkeit in religiöser Hinsicht beruhen muss. Gleichzeitig wurden Ideen artikuliert, die über die Macht des Staates hinausgehen. Diese übergreifenden Ideen sind Vorstellungen über Transzendenz und einer daraus folgenden Anerkennung, dass auf beiden Seiten eines Machtkonflikts Menschen sind.

Im Westen scheint der Impuls sehr stark zu sein, die Menschenrechte als eine säkulare Errungenschaft zu deuten.

Es gibt zwei konkurrierende Narrative. Das erste Narrativ ist ein aus Frankreich kommendes, ganz klar säkulares. Darin wird die Aufklärung als antichristlich aufgefasst, und die Menschenrechte werden auf die Überwindung des Christentums durch Aufklärung und Revolution zurückgeführt. Das andere, das christliche, entwickelte sich erst richtig, als die katholische Kirche die Menschenrechte zu ihrer eigenen Sache gemacht hatte. Das war ja nicht immer so. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sind die Menschenrechte von der Kirche verdammt worden als liberaler Individualismus, mit dem der wahre Christ nichts zu tun habe. Ich behaupte, dass beide Erzählungen nicht zutreffen. Allerdings werden beide auch bei Gegnern der Menschenrechte – etwa in Asien – rezipiert. Diese Gegner der Menschenrechte drehen sie einfach um. Sie sagen: Ihr sagt ja selbst, die Menschenrechte sind aufs Engste verknüpft mit der Aufklärung oder dem Christentum. Wir wollen aber beides nicht, also wollen wir auch die Menschenrechte nicht. Es ist mein Anliegen, gerade diesem Einwand entgegenzutreten, also zu sagen: Ihr müsst euch nicht dem Christentum oder der französischen Aufklärung verschreiben, um die Menschenrechte zu akzeptieren, sondern ihr könntet auch die Traditionen des moralischen Universalismus, die in euren eigenen, etwa buddhistisch oder konfuzianisch geprägten Kulturen angelegt sind, ernst nehmen.

Sie haben geschrieben, die Französische Revolution sei für die Entstehungsgeschichte der Menschenrechte im Westen gar nicht so zentral gewesen, was ja eine durchaus provokante These ist.

Ich mache darauf aufmerksam, dass der Satz, den man wirklich häufig findet, die Menschenrechtserklärung vom August 1789 sei die erste Menschenrechtserklärung, auf jeden Fall chronologisch nicht zutrifft, weil verschiedene amerikanische Erklärungen in diesem Sinne schon vorher (1776) entstanden sind. Es gab da ausserdem unbestreitbar einen Einfluss. Besonders interessant ist, dass es bei den amerikanischen Revolutionären nicht die Gegenstellung zur Religion gegeben hat, wie sie sich im Laufe der Französischen Revolution herausbildete. Die hat es allerdings zu Beginn der Französischen Revolution so auch nicht gegeben, was aber wegen der antichristlichen Eskalation der Revolution im historischen Gedächtnis etwas untergegangen ist.

Welche historischen Denkmäler würden Sie denn empfehlen, die eine solche Globalgeschichte der Menschenrechte begründen könnten?

Ich würde da wieder, wie zu Beginn unseres Gesprächs, drei Ebenen unterscheiden: erstens, ideengeschichtlich, die Quellen des moralischen Universalismus in philosophischer und religiöser Hinsicht, also die in der Achsenzeit entstandenen Religionen und jene Religionen, die sich aus dem in der Achsenzeit entstandenen religiösen Erbe nähren. Zweitens, rechtsgeschichtlich, die vier Ereigniskomplexe, mit denen ich mich in meinem Buch «Die Sakralität der Person» beschäftigt habe. Das sind zwei punktuelle Ereignisse, die Französische und die amerikanische Revolution, und zwei lang gezogene Prozesse, die Abschaffung der Folter und die Abschaffung der Sklaverei. Und drittens die transnationale Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert, bei der wir uns nicht auf die allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 begrenzen dürfen. Was mich deshalb besonders beschäftigt, ist: Welche Bestrebungen gab es global betrachtet im 20. Jahrhundert, um die Menschenrechte in den eigenen kulturellen Kontext einzubeziehen? Ein gutes Beispiel ist Gandhi, der aus eigenen kulturellen Traditionen Indiens heraus einen Weg gefunden hat, der weder nationalistisch noch marxistisch, noch religiös-fundamentalistisch war, der aber eben auch nicht einfach nur ein Weg der Rezeption westlicher Werte war. Jemandem wie Gandhi erschienen die westlichen Werte zunächst einmal als Legitimationsideologie des britischen Kolonialreichs und seiner brutalen Unterdrückung der Inder. Von Gandhi gibt es die schöne Äusserung aus einem Interview, was er von der westlichen Zivilisation halte. Er sagte: «Ich denke, sie wäre eine sehr gute Idee.»

Hinweis

Hans Joas ist ein deutscher Soziologe und Sozialphilosoph. Am Freitag, 2. Dezember, spricht er bei der Tagung «Menschenrechte und Religionen. Nicht staatliche Akteure und ihr Verhältnis zu den Menschenrechten», die von 9.15 bis 16.45 Uhr an der Professur für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht der Theologischen Fakultät der Universität Luzern stattfindet.

Interview: Isabelle Daniel


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