Unberechenbarkeit sorgt für Spannung

FERNSEHDEBATTE ⋅ Heute treffen sich Hillary Clinton und Donald Trump zum ersten TV-Duell im Präsidentschaftswahlkampf. Das Interesse ist riesig – weil viel auf dem Spiel steht, wie ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt.

26. September 2016, 05:02

Nichts wurde dem Zufall überlassen. Als Präsident Barack Obama und sein Herausforderer Mitt Romney vor vier Jahren vor Fernsehkameras debattierten, regelte ein 21 Seiten zählender Vertrag sämtliche Details dieses Zusammentreffens – die Höhe der Rednerpodien (127 Zentimeter), die Temperatur am Veranstaltungsort («angemessen») und das ausdrückliche Verbot an die Kandidaten, sich zu nahezutreten. Erst als dieses Abkommen ausgehandelt war, notabene durch zwei hochkarätige Rechtsanwälte, ­gaben die Wahlkampfstäbe grünes Licht für die Debatten, die traditionsgemäss durch die überparteiliche «Commission on ­Presidential Debates» organisiert werden.

Wenn sich nun heute Abend (Lokalzeit) die Demokratin Hillary Clinton und der Republikaner Donald Trump auf Long Island (New York) zur ersten Fernsehdebatte treffen, wird wohl kein derart detailliertes «Memorandum of Understanding» vorliegen. Bisher jedenfalls gibt es keine Anzeichen dafür, dass die beiden Wahlkampfstäbe in Verhandlungen stehen. Und selbst wenn sich die beiden, wider Erwarten, auf einen Rahmen einigen könnten, in dem die insgesamt drei Clinton-Trump-Debatten ausgetragen werden – wer könnte denn schon garantieren, dass sich der republikanische Präsidentschaftskandidat an diese Abmachungen hielte?

Humor, Unverfrorenheit und Lügen

Mit der Unberechenbarkeit Trumps lässt sich die grosse Spannung erklären, mit der Amerikas Wählerinnen und Wähler dem Zusammentreffen entgegenfiebern. Der Republikaner ist zwar kein brillanter Rhetoriker, wie die elf TV-Debatten zeigten, in denen er sich während der Vorwahlen mit den parteiinternen Konkurrenten mass. Und aus seinem Umfeld heisst es, er lehne es ab, sich den traditionellen Scheingefechten zu stellen, die der Vorbereitung der Kandidaten dienen. Nach einer langen Karriere als Entertainer – Trump war 14 Jahre lang Hauptdarsteller der Reality Show «The Apprentice» auf dem Sender NBC – weiss er aber, wie man sich vor der Kamera bewegen muss.

Und Donald Trump weiss, wie leicht sich das Publikum zu Hause vor den Fernsehgeräten verführen lässt: mit einer Mischung aus Populismus und Humor, Unverfrorenheit und Lügen. Hier liegt die eigentliche Herausforderung für den Moderator der ersten Debatte, für den NBC-Nachrichtensprecher Lester Holt. Der Afroamerikaner – übrigens ein deklarierter Republikaner – wird sich entscheiden müssen, ob er korrigierend eingreifen will, wenn Trump die Grenze des guten Geschmacks überschreitet oder wenn er lügt. Trump sagt, wenig überraschend: Holt solle die Rolle des neutralen Schlichters spielen und nicht direkt in den rhetorischen Schlagabtausch zwischen den beiden Kandidaten eingreifen.

Ähnlich sieht es Bob Schieffer, der in seiner langen Karriere als Journalist für den Fernsehsender CBS drei TV-­Duelle moderierte. In einem Gastbeitrag in der «Washington Post» wählte Schieffer kürzlich eine Sportanalogie, um die Rolle eines Debattenmoderatoren zu beschreiben: «Niemand geht an ein Ballspiel, um sich den Schiedsrichter anzuschauen.» Demokratische Kreise stellen sich auf den Standpunkt, dass Lester Holt und Konsorten sehr wohl die Pflicht hätten, grobe Unwahrheiten zu korrigieren. Allerdings begeben sich die Journalisten in solchen Momenten auf Glatteis. So schlug sich die damalige CNN-Journalistin Cindy Crowley im Jahr 2012 auf die Seite von Präsident Obama, als dieser mit Romney darüber stritt, ob er den Anschlag in Bengasi (Libyen) im Jahr 2012 schnell als «terroristischen Akt» verurteilt hatte. Später zeigte sich, dass diese Interpretation zumindest anfechtbar gewesen war.

Clinton übt mit Trump-Double

Hillary Clinton wiederum kann sich nicht darauf verlassen, dass sich Trump während der jeweils 90 Minuten dauernden Debatte ein Bein stellen wird. Die Demokratin bereitet sich deshalb seit Tagen minutiös auf den ersten Schlagabtausch vor – indem sie sich über die Positionsbezüge des Kontrahenten schlau macht und mit ihren Beratern diskutiert. Übers Wochenende wollte Clinton zudem mit einem Double des Bauunternehmers debattieren. Trump soll dabei von Philippe Reines verkörpert werden, einem langjährigen Berater und Freund von Hillary Clinton, meldete die «New York Times».

In Washington ist Reines für sein aufbrausendes Temperament bekannt und gefürchtet. So verabschiedete er sich einst von einem Journalisten mit den Worten: «Ich wünsche einen guten Tag. Und mit guten Tag meine ich: verpiss dich!»

Renzo Ruf, Washington


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