Kopf des Tages

«VW ohne Piëch ist wie Jugoslawien ohne Tito»

PATRIARCH ⋅ Er hat Volkswagen zum führenden Autobauer Europas gemacht. Nun verkauft Ferdinand Piëch seine Aktien. Möglicherweise befindet er sich auf einem Rachefeldzug.
13. April 2017, 05:00

In vier Tagen wird Ferdinand Piëch 80 Jahre alt. Eigentlich Anlass genug, um den langjährigen Firmenpatriarchen von Volkswagen hochleben zu lassen. Piëch hat den Konzern mit seinen zwölf Marken erst zu dem gemacht, was er ist: Ein weltweit führender Automobilkonzern. Doch zum Feiern ist niemanden zu Mute. Nicht Piëch, der zum ersten Mal in seinem Leben eine herbe Niederlage einstecken musste. Nicht dem Konzern selbst, für den der milliardenschwere Diesel-Skandal längst nicht ausgestanden ist.

Piëch, Enkel des «Käfer»-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, hatte unlängst angekündigt, einen Grossteil seiner Anteile an Porsche zu verkaufen. Über die Holding halten die Familien Piëch und Porsche die Mehrheit von 52 Prozent der Stimmrechte an VW. Da Piëch als launischer Patron gilt, war nicht ganz klar, an wen er seine Anteile von 14,7 Prozent – Aktien im Wert von 850 Millionen Euro – verkaufen würde. Kürzlich wurde bekannt, dass der Piëch-Anteil an seinen Bruder Hans Michel übertragen wird. Die Mehrheit am Konzern bleibt also in den Nachfolger-Familien des Autopioniers Ferdinand Porsche. Piëch aber soll bald definitiv aus dem VW-Aufsichtsrat ausscheiden.

Der Rückzug des gebürtigen Österreichers nach einer fast 45 Jahre dauernden Konzern-Karriere ist eine Zäsur für VW. Dabei hat sich der Rückzug des detailverliebten Konstrukteurs angedeutet. 2015 verlor der damalige VW-Aufsichtsratsvorsitzende zum ersten Mal überhaupt einen internen Machtkampf im Konzern, nachdem er sich gegen den damaligen VW-Chef Martin Winterkorn ausgesprochen hatte. Immer wieder hatte der Patron mit verklausulierten Nebensätzen Manager-Karrieren beendet oder eine neue Firmenstrategie vorgegeben. 2015 allerdings hatte sich Piëch verkalkuliert, als er verlauteten liess, er sei «auf Distanz zu Winterkorn». Dabei galt der damalige VW-Chef über Jahre als Zögling von Piëch.

Bis heute wird spekuliert, was ihn dazu bewogen hatte, sich von Winterkorn abzuwenden. War es das schleppend verlaufende Geschäft? Oder war Piëch schon ein halbes Jahr vor Auffliegen der Diesel-Affäre klar, dass der Konzern wegen der Schummel-Software in seine grösste Krise stürzen würde und Winterkorn Teil des Problems war? Der gesamte Aufsichtsrat, selbst sein Cousin Wolfgang Porsche, stellte sich jedoch gegen Piëch und hinter Winterkorn. Piëch trat von der Spitze des Aufsichtsrates enttäuscht zurück. Seither ist das Verhältnis zwischen ihm und der VW-Führungsetage zerrüttet.

Möglicherweise befindet sich Piëch auch auf einem Rachefeldzug. Der bald 80-Jährige, der die Firmengeschicke von seiner Residenz in Salzburg steuerte, gilt als kühl und äussert nachtragend. «Ich bin nicht gerne Zweiter», sagt Piëch. Abgehärtet wurde er im Lyceum Alpinum in Zuoz. «Die Schule war ein Abhärtungsinternat, elitär, schlicht und streng», erinnert sich Piëch. Dieser Wille führte ihn an die Spitze eines Unternehmens mit mehr als 600 000 Beschäftigten.

Eine offizielle Feier zu seinem 80. Geburtstag wird es zwar nicht geben, der Konzern möchte ihm jedoch in Inseraten gratulieren. «VW ohne Piëch ist wie Jugoslawien ohne Tito», sagte kürzlich ein VW-Insider. Nach Titos Tod fiel das Staatengebilde Jugoslawien auseinander. Der VW-Konzern dürfte den Abgang des Patrons hingegen überstehen.

 

Christoph Reichmuth


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