«Wir werden marginalisiert»

RUSSLAND ⋅ Putin feiert das Zarenreich. Die Menschenrechtlerin Irina Scherbakowa spricht im Interview über Erinnerungspolitik als Propagandamittel – und übt harsche Kritik an der russisch-orthodoxen Kirche.

04. Oktober 2016, 14:51

Irina Scherbakowa, welche Rolle spielt Geschichte in der aktuellen russischen Politik?

Die Instrumentalisierung von Geschichte hat sich in den letzten 15 Jahren zu einem Teil der Ideologie in Russland entwickelt. Mit Geschichte hat das nichts mehr zu tun. Es handelt sich vielmehr um Bilder, die man aus der Vergangenheit holt, um den Menschen eine bestimmte Sichtweise auf den Staat aufzuerlegen – der ein starker Staat und selbst zum Symbol geworden ist. Damit sich die Menschen in diesem Staat wohl fühlen, werden Persönlichkeiten aus der russischen Geschichte herausgekramt, die ihn verkörpern und legitimieren sollen.

Wie Stalin, von dem Putin sagt, er werde dämonisiert.

Ja, auch, aber es beginnt schon viel früher. Mit Peter dem Grossen beispielsweise – wobei der eine immer geringere Rolle spielt, weil er die Verwestlichung des Landes vorangetrieben hat. Das passt nicht mehr zur heutigen politischen Erzählung. Identitätsstiftend ist schon eher Iwan der Schreckliche. Dabei ist es völlig egal, was der Herrscher für die Menschen bedeutet hat. Es geht nur darum, was dieser verkörpert. In diesem Fall den starken, patriarchalen Staat, in dem sich der Mensch wohl fühlt – wir können heute bei allen grossen offiziellen Veranstaltungen beobachten, wie das propagiert wird.

Und diese Zarenreich-Propaganda ist erfolgreich?

Ja, die Gesellschaft trägt diese Geschichtspolitik gern mit, weil alle anderen Zeiten als so unruhig erscheinen. Deshalb bin ich sicher, dass wir nächstes Jahr, im 100. Gedenkjahr der Russischen Revolution von 1917, eine sehr negative Auslegung des Zusammenbruchs des Zarenreiches vorfinden werden.

Inwiefern?

Ich kann zumindest vermuten, dass zum Beispiel von der angeblichen westlichen Verschwörung die Rede sein wird, dem liberalen Einfluss und so weiter. Solange die Situation, in der er lebt, nicht absolut unerträglich ist, hat der Mensch Angst vor der Revolution, vor jeglicher Veränderung. Diese Angst machen sich autoritäre Regime zu Nutze. Die Nazis waren meisterhaft darin.

Und jetzt nutzt auch Putin diese Angst für seine machtpolitischen Zwecke aus?

Ja, das tut er. Die Botschaft ist: Es darf sich nichts verändern. Was zählt, sind Stabilität und Loyalität zum Staat und zu seinem Herrscher. Dazu wird der ganze russische Mythos von der russischen Grösse und dem westlichen Feind bedient. Stolz, Grösse, das Patriarchat: Im Grunde ist es eine ganz banale Palette, die man in unserer Geschichte schon sehr oft abgespult hat. Aktuell findet das seinen Ausdruck darin, wie zum Beispiel an den Vaterländischen Krieg (der Zweite Weltkrieg: Anm. d. Red. ) erinnert wird. Der Inhalt verschwindet vollkommen aus dieser Erinnerung, aber auch Tragödie und Trauma verschwinden. Es wird nur der Sieg beschworen. Wir sehen nur noch Bilder der Siegesfeier. Und diese Bilder haben seit 2014 ...

... also seit der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ukraine ...

... eine eindeutige militante Note bekommen. Russland erscheint in den historischen Bildern nicht als pazifistisch oder als Friedensbringer, sondern erhält eine ganz klare militaristische Rolle.

In letzter Zeit ist eine ganze Reihe Bücher auf Deutsch erschienen, die sich mit dem «neuen Russland» beschäf­tigen. Nach allem, was Sie beschreiben: Leben Sie in einem neuen Russland?

Viele sagen, wir gingen in die sowjetische Zeit zurück. Das stimmt nicht. Was heute entsteht, ist eine gefährliche, hybride Mischung aus mehreren Staatsformen: aus Diktatur und Autoritarismus, aber auch ein bisschen aus Militärregimen, wie wir sie aus Lateinamerika kennen, und ein bisschen was aus den Dreissigerjahren. Auch ideologisch ist das ziemlich hybrid. Wir leben schon noch in einem säkularen Staat, aber mit einem sehr grossen Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche.

Wie sieht dieser Einfluss konkret aus?

Das Patriarchat und der Traditionalismus, über den wir gesprochen haben: Beides wird ganz stark von der Kirche mitgetragen und dadurch auch legitimiert. Denn wenn sogar die Kirche autoritäre politische Entscheidungen gutheisst, dann gibt sie natürlich den Menschen das Gefühl, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Diese legitimatorische Macht missbraucht die russisch-orthodoxe Kirche. Gerade versucht die russisch-orthodoxe Kirche konkret den politischen Prozess zu beeinflussen, indem sie ein Abtreibungsverbot wie in Polen fordert. Die Frauenfeindlichkeit der russisch-orthodoxen Kirche ist ein grosser Rückschritt. Gefährlich ist aber auch der Kampf der russisch-orthodoxen Kirche gegen die westliche Kultur, die als «verrucht» verunglimpft wird. Dieser Kampf wird so fundamentalistisch geführt, dass die Kirche es sogar zulässt, dass ihre Anhänger handgreiflich gegen westliche Kunstwerke werden.

Dem Vorwurf, westlich be­einflusst zu sein, sieht sich ja auch Ihre Organisation Memorial ausgesetzt, seit Putins Gesetz zu den sogenannten ausländischen Agenten erlassen wurde. Wie sieht Ihre Arbeit seither aus?

In der historischen Aufarbeitung braucht man – ähnlich wie im kritischen Journalismus – die Nähe zur Zivilgesellschaft. Diese Rolle versuchen wir bei Memorial einzunehmen, weil der russische Staat die Aufgabe der historischen Aufarbeitung jahrelang nicht übernehmen wollte. Stattdessen setzte er auf Verdrängung. Da der Staat jetzt gegen alles vorgeht, was unabhängig von ihm ist, sind auch wir in einer schwierigen Situation. Man versucht uns zu marginalisieren. Wenn Sie abends zu uns kommen oder in eine unserer Vorlesungen gehen, ist der Saal immer voll. Trotzdem muss man der Wahrheit ins Auge sehen: Die neue Generation ist sehr von dem Populismus und dem Nationalismus angesteckt. All diese Journalisten, die zu uns kommen und uns vorwerfen, wir seien Verleumder – das ist eine reine Diffamierung. Leider geht sie immer von jungen Menschen aus.

Liegt das auch daran, dass die junge Generation – anders als Ihre, die in Kontakt mit Zeitzeugen war – von der Vergangenheit so entkoppelt ist?

Ja, zum Teil. Bei Memorial haben wir aber auch viele Mitarbeiter, die keine familiäre Opfergeschichte haben. Bei ihnen kommt das Interesse für die Geschichte einfach aus dem Bedürfnis, gegen Lügen und Verdrängung vorzugehen. Ich hoffe, dass es nicht ewig so bleibt wie jetzt, dass sich die Menschen mit den Lügen abfinden. Aber es ist schwierig, dagegen vorzugehen. Mythen sind ja immer so glänzend. Sie leuchten und sind einfach. Aber Wahrheit ist oft grau, unschön, und es gibt Momente in dieser Wahrheit, die man gar nicht wissen will. Nur wenn man sie versteckt, wird es noch schlimmer. So wie es in Russland im Moment aussieht, haben wir noch eine ganze Menge Arbeit vor uns.

Zur Person

Irina Scherbakowa (67) ist eine russische Historikerin und Menschenrechtlerin. Sie forscht unter anderem bei der Organisation Memorial zu Totalitarismus und den stalinistischen Verbrechen.

Interview: Isabelle Daniel/MoskauInterview: Isabelle Daniel/Moskau


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