Flugzeugabsturz in Polen: Andeutungen statt Beweise

POLEN ⋅ Sieben Jahre nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk will Polens nationalkonservative Regierung Hinweise auf eine Bombenexplosion gefunden haben. Am Jahrestag warb sie erneut für die Anschlagsthese.
12. April 2017, 07:47

Paul Flückiger, Warschau

Ewa und Wojtek stehen seit über zwölf Stunden vor dem Warschauer Präsidentenpalast. «Wir mussten einfach hin, das ist un­sere moralische Verantwortung», sagt Ewa. Auch ihr Gatte hat sich für die Trauerfeier für die Absturzopfer von Smolensk vor sieben Jahren extra freigenommen. Offizieller Feiertag ist der 10. April noch nicht, doch die Gedenkfeiern sind staatlich. Hunderte von Polizisten sichern die Strassen zum Präsidentenpalast, vor dem sich am späten Abend das Kabinett der rechtsnationalen Regierungschefin Beata Szydlo versammelt hat. Einen Auftritt hat nämlich Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des damals neben 95 weiteren Insassen verunglückten Staatspräsidenten, der als Chef der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) heute alle Fäden in der Hand hält.

«Wir wissen inzwischen, dass es zu Explosionen gekommen ist, die mutwillig auf eine spezielle Weise herbeigeführt wurden», beginnt Kaczynski seine Rede voller Anspielungen auf jene angeblichen Mächte, die sich vor sieben Jahren gegen Polen verschworen haben sollen. «Das sind keine Spekulationen, sondern wissenschaftliche Experimente, Computersimulationen höchster Klasse», weist Kaczynski seine Kritiker zurecht. Seine Rede wird, wie die gesamten Feierlichkeiten, vom Staatsfernsehen live übertragen.

2011: Pilotenfehler als Hauptursache

Zu einem ganz anderen Schluss kam Polens staatliche Unter­suchungskommission für Luftfahrtsunfälle 2011. Demnach sind Pilotenfehler die Hauptursache für den Absturz des Präsidentenflugzeugs beim Landeanflug im dichten Nebel auf den westrussischen Militärflughafen Smolensk-Nord am 10. April 2010. Eine Mitschuld trägt laut diesen Untersuchungen auch der russische Tower, da er den Landeversuch bei derart schlechten Wetterbedingungen nicht grundsätzlich verboten hatte.

Eine nach dem PiS-Wahlsieg neu zusammengestellte Kommission kommt nun zu neuen Schlüssen. In einem am Montagabend präsentierten Zwischenbericht heisst es, der Tower in Smolensk habe den Piloten der Präsidentenmaschine mutwillig falsche Angaben geliefert. Dann sei es noch in der Luft zu mehreren Explosionen gekommen, die nicht durch einen technischen Defekt ausgelöst worden seien.

«Rund 900 Meter vor der Landbahn begann der Zerfall der Tupolew-154M», heisst es in einem Videofilm des Verteidigungsministeriums. Bereits anderthalb Sekunden vor dem Aufprall in einem Waldstück vor der Landebahn sei die Hydraulik ausgefallen, so die neue Kommission unter der Leitung des sich sehr vorsichtig ausdrückenden Waclaw Berczynski. Der Systemin­ge­nieur hatte sich vor 2010 nicht auf Flugzeugabstürze spezialisiert, war aber bereits Mitglied der Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) zum Absturz der Präsidentenmaschine gewesen, der 2010 bis 2015 nur PiS-Mitglieder angehört hatten. Bereits diese PUK hatte eine Anschlagsthese favorisiert, dafür jedoch keine schlüssigen Beweise vorgelegt. Das Wort «Bombenattentat» nahm der von der PiS-Regierung beauftragte Berczynski am Montag nicht mehr in den Mund, vielmehr betonte er, es müssten noch weitere Untersuchungen getätigt werden.

«Du wirst im Gefängnis landen»

In Oppositionskreisen wird bereits darüber gelästert, dass diese bestimmt erst vor den nächsten Parlamentswahlen 2019 abgeschlossen würden. Laut Umfragen glaubt nur jeder fünfte Pole an einen Anschlag in Smolensk, die Kaczynski-Partei PiS indes hat diese Hypothese konsolidiert.

Kaczynski selbst gab sich unter Tausenden polnischer Fahnen in der Nacht zum Dienstag relativ gemässigt: «Wenn wir diesen Kampf für die Wahrheit auch moralisch gewinnen wollen, müssen wir dem Hass entsagen.» Nur durch Versöhnung könne Polen ein besseres Land werden, ermahnte er seine Parteigänger, die mit wüsten Zwischenrufen agierten. «Du wirst im Gefängnis landen!», riefen ein paar wenige Regierungskritiker, die den Weg unter die eigentlich von der PiS handverlesenen Trauergästen gefunden hatten. Ein gutes Dutzend Anhänger der oppositionellen Bürgerbewegung «Bürger der Republik Polen» wurden derweil sofort von mindestens fünfzig Polizisten umstellt. Sie hielten weisse Rosen und die polnische Verfassung fest umklammert.


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