Der unheimliche Schulz-Effekt

DEUTSCHLAND ⋅ Die Sozialdemokraten wählen Martin Schulz ohne Gegenstimme zum Parteipräsidenten. Die Euphorie bei den Genossen ist riesig – doch der Kanzlerkandidat wird nicht konkret, wie er seine Versprechen umsetzen will.
19. März 2017, 21:09

Christoph Reichmuth, Berlin

Kurt Schumacher, der erste Vorsitzende der nach dem Krieg wieder aufgebauten SPD, holte 1948 bei seiner Wahl zum Parteivorsitzenden 99,71 Prozent der Stimmen. Fast 70 Jahre später hat Martin Schulz es geschafft, den Rekord zu brechen. 100 Prozent der Genossen wählten ihn am Sonntag zum neuen Parteivorsitzenden. 605 gültige Stimmen, 605 Ja-Stimmen, eine historische Wahl. «Das Ergebnis ist der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes», rief Schulz seinen 3500 Anhängern in einem alten Berliner Fabrikgebäude zu. Minutenlange stehende Ovationen, ein gerührter Martin Schulz. Eine letzte bittere Pille auch für Sigmar Gabriel, der nach mehr als sieben Jahren an der SPD-Spitze das Zepter am Sonntag Schulz übergab. Vor zwei Jahren erhielt der heutige Aussenminister gerade einmal 74 Prozent der Stimmen.

In sechs Monaten soll Martin Schulz die amtierende Regierungschefin Angela Merkel von der CDU aus dem Kanzleramt bugsieren. Die SPD ist mit Schulz aus einer Art Lethargie erwacht. Die Euphorie an der Basis ist gewaltig. Über 80 Minuten dauert die Rede des Kanzlerkandidaten. Es geht um Gerechtigkeit, um Respekt, für Europa und gegen die Feinde der Toleranz. Und wie immer verweist Schulz auf seine Biografie, er berichtet von jungen Jahren, die von Scheitern gezeichnet waren, als er von der Schule flog und nur Fussball im Kopf hatte. Als er seine Sorgen im Alkohol ertränkt hatte und sich hochrappelte, sich autodidaktisch weiterbildete und sich an die Spitze hocharbeitete. Schulz will sagen: Ich bin einer von euch und weiss, was die Menschen umtreibt. Ich bin glaubwürdig.

Ein Mann, der die Menschen zu begeistern vermag

Unter Schulz fühle sich die SPD irgendwie anders an, neuer, attraktiver, elektrisierender, findet Michel Honold, Mitglied der SPD. «Schulz wird Kanzler. Die Stärke von Merkel war die Schwäche der SPD. Diese Zeiten sind vorüber», schwärmt der 25-Jährige. Die Veränderungen in der Gesellschaft hätten die jungen Menschen wieder politisiert. «Die ‹Ist mir doch egal›-Stimmung ist durch, in einer Gesellschaft wie dieser, in der Ungerechtigkeit herrscht und Gewalt gegen Ausländer zunimmt, muss man sich positionieren», sagt er.

Der Schulz-Effekt ist den Genossen selbst fast unheimlich. 13000 Neumitglieder zählt die Partei in wenigen Wochen, sie ist in Umfragen mit der Union aus CDU und CSU gleichauf, ein linkes Bündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen hätte momentan eine knappe Mehrheit. Diesen Schulz-Hype sehen manche hier am Parteitag auch etwas kritisch: «Das ist typisch für unsere Gesellschaft. Wir lassen Menschen manchmal übertrieben hochleben, wer Fehler macht, wird erbarmungslos niedergemacht. Das ist auch immer etwas gefährlich», sagt Christel Reichenbachs. Die 60-Jährige ist kein Parteimitglied, sympathisiert aber mit Schulz und der SPD. Im Land herrsche Wechselstimmung, fügt sie hinzu: «Martin Schulz kann die Menschen begeistern.» Christine Heidrich ist erst vor wenigen Wochen der SPD beigetreten. «Man muss was tun gegen dieses Rumgehetze in der Gesellschaft», sagt die 70-Jährige. Schulz sei die beste Waffe gegen die Intoleranten. Woher dieser Hype um Martin Schulz komme? Die Rentnerin überlegt, sagt dann: «Der hat einfach irgendetwas.»

Zum Beispiel rhetorisches Geschick. Der neue SPD-Chef redet mehr oder weniger frei, gestenreich, mal wird er laut, mal spricht er sanft. Das zieht im Saal. Schulz propagiert Gerechtigkeit, bleibt inhaltlich aber vage. Es müsse Schluss sein «mit dem Lohngefälle zwischen Mann und Frau», auch zwischen Ost- und Westdeutschland. Schulz spricht von Bildungschancen. Wie das ganze finanziert werden soll? Schulz vertröstet auf später. Ein Parteitag Ende Juni soll darüber Aufschluss geben, sagt er. Plänen der Union für eine Steuersenkung und Mehrausgaben fürs Militär erteilt er eine Absage. Um möglichst viele Wähler anzusprechen, kündigte Schulz auch einen harten Umgang mit jenen Ausländern an, die sich nicht an die Regeln halten.

Ob der Schulz-Hype bis zu den Wahlen anhält, wird sich zeigen. «Dieses im Ungefähren Verbleiben macht ihn zur Projektionsfläche ganz vieler Menschen», sagt Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin der FAZ. Der Politologe geht davon aus, dass die Euphorie einen Dämpfer erhält, sobald es ums Konkrete gehe. «Wenn er sich festlegt in der Flüchtlingsfrage oder der inneren Sicherheit, wird auch er Gegner bekommen. Das wird sich in seinen Werten niederschlagen.»

An solche Szenarien dachte am Sonntag in Berlin kein Genosse. «Ab jetzt beginnt der Kampf», rief Schulz zum Abschied. Die Halle tobte vor Begeisterung.


Leserkommentare

Anzeige: