«Ich erwarte keine Loblieder»

DDR ⋅ Morgen wird der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz, 80 Jahre alt. Er fordert noch immer einen differenzierteren Blick auf den untergegangenen kommunistischen deutschen Staat.
18. März 2017, 08:38

Joachim Mangler (DPA)

Wenn Egon Krenz Geschichten über die DDR liest oder hört, meint er oft, dass über ein anderes Land berichtet wird. Nicht über das Land, das er mitgeprägt hat und an dessen Spitze er in den letzten Wochen als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Staatsratsvorsitzender stand. «Ich erwarte keine Loblieder. Die Wahrheit aber schon.» Diese Wahrheit sei viel differenzierter, als sie in den Medien oder der Politik heute widergespiegelt werde, sagt der einst treue Gefolgsmann von Erich Honecker (1912–1994). Und dann widerspricht er einer These, die niemand aufgestellt hat: «Es hat nicht nur Widerständler gegeben, sondern Millionen Menschen, die gerne in der DDR gelebt und das Land aufgebaut haben.» Morgen Sonntag wird Egon Krenz 80 Jahre alt.

Die Politik lässt den in Mecklenburg-Vorpommern an der Ostsee lebenden rüstigen Rentner nicht los. Er gehe auf Versammlungen, halte Vorträge und freue sich über – wie er berichtet – meist ausverkaufte Veranstaltungen. Seine Meinung zähle noch im Osten – vor allem bei Älteren. Oft treffe er Leute, die sagten, dass es schade sei, dass es die DDR nicht mehr gebe. Aber was mögen das für Menschen sein, die zu Veranstaltungen mit Krenz gehen – die einstigen Nutzniesser des SED-Systems?

«Das Gerechtigkeitsgefühl ist noch sehr ausgeprägt», sagt Krenz. Das gelte vor allem dann, wenn es um den Vergleich mit der Bundesrepublik geht. «Es wird immer so getan, als sei der Weg der Bundesrepublik eine einzigartige Erfolgs- und der der DDR eine einzige Negativgeschichte. So undifferenziert ist es nicht gewesen», sagt der Mann, der im August 1997 als Mitverantwortlicher für die tödlichen Schüsse an der Berliner Mauer zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Befehl zur Gewaltlosigkeit

Zur nicht gewürdigten Wahrheit gehört für Krenz auch seine Rolle am 9. November. «Ich wäre laut Verfassung verpflichtet gewesen, die Grenzen der DDR zu schützen.» Er sei im Besitz der militärischen Gewalt gewesen und hätte den Befehl geben können. «Ich habe einen Befehl zur Gewaltlosigkeit gegeben. Jedoch nicht, damit deutsche Soldaten wieder wie in Afghanistan im Ausland sterben.»

In diesem Punkt wird er vom Direktor des Zentrums für zeitgeschichtliche Forschung in Potsdam, Martin Sabrow, unterstützt: Krenz habe im entscheidenden Moment dafür gesorgt, dass die Waffen geschwiegen haben. «Er hat den Untergang der DDR der militärischen Option vorgezogen – das ist sein Verdienst und gleichzeitig ein historisches Wunder.» Aber, sagt Sabrow, Krenz konnte auch nicht anders: Er hätte seine Rolle als Reformer zerstört, wenn er die militärische Karte gespielt hätte.

Undifferenzierte Sichtweise

Dass es Missstände in der DDR und viele Unzufriedene gegeben hat, streitet Krenz nicht ab. Aber die anderen Staaten seien auch nicht besser. Das gelte selbst für das Geheimdienstsystem der Stasi, unter dem nach Einschätzung von Historikern eine siebenstellige Zahl von politisch Verfolgten zu leiden hatte. Er streite nicht ab, dass es bei der Staatssicherheit Dinge gegeben habe, die nicht gutzuheissen seien. «Aber wir haben doch auch heute Geheimdienstprobleme», sagt Krenz. Und auch die DDR habe ein Sicherheitsbedürfnis gehabt.

«Damit verkennt Krenz den gravierenden Unterschied zwischen der Geheimpolizei einer Diktatur und den Geheimdiensten von Demokratien», sagt der Chef der Rostocker Stasi-Unterlagenbehörde, Volker Höffer. Das entscheidende Augenmerk einer Geheimpolizei wie der Stasi liege auf der Überwachung und der Verfolgung der eigenen Bevölkerung. Höffer kritisiert, dass Krenz eine differenzierte Sichtweise auf die DDR fordert, selbst aber dazu nicht fähig sei.

Krenz verweist auf unzufriedene Menschen, die im Deutschland und im Europa der Gegenwart leben. Zu DDR-Zeiten habe es mit der Bundesrepublik eine Systemalternative gegeben – die gebe es heute nicht mehr. Aber wer sich heute gegen die Regierungspolitik stelle, werde schnell als «Populist» abqualifiziert. In diesem Zusammenhang sieht er auch den Begriff «postfaktisch», wenn die öffentliche Meinung weniger von Tatsachen als von Gefühlen und Ressentiments beeinflusst wird. «Die DDR wird seit 1990 postfaktisch aufgearbeitet – es wird gelogen und nicht differenziert», klagt Krenz.


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