Nordkorea

Kim ist gar nicht so irre

16. April 2017, 07:40

Dicke Panzer fahren auf. Zehntausende Soldaten marschieren im Stechschritt an Nordkoreas Diktator Kim Jong Un vorbei. Dahinter fahren schwere Militärgeräte auf, die gefürchtete Mittelstreckenraketen tragen. Experten meinen auf den Bildern des nordkoreanischen Staatsfernsehens sogar Interkontinentalraketen gesehen zu haben.

Zu dem befürchteten Atomtest ist es am Samstag rund um die Feierlichkeiten des 105. Geburtstags des Staatsgründers Kim Il Sung zwar nicht gekommen. Dafür hatte die nordkoreanische Führung bei der Militärparade weitere Hasstiraden parat. Nordkorea werde einen «totalen Krieg mit einem totalen Krieg und einen Atomangriff mit einem Atomangriff» beantworten, wetterte ein ranghoher Regierungsvertreter.

Stechschritt und Drohtiraden – das hat es aus Nordkorea schon häufig gegeben. Neu waren dieses Mal die Drohgebärden der USA. Demonstrativ hatte US-Präsident Donald Trump vergangenes Wochenende einen Flugzeugträgerverband und mehrere U-Boote vor die Küste Nordkoreas geschickt. Trump droht seitdem offen mit Angriff, falls Pjöngjang einen weiteren Atomtest wagen würde. Dazu ist es vorerst nicht gekommen, der US-Angriff blieb am Samstag ebenfalls aus.

Und doch stellt sich die Frage: Meint es das Regime in Pjöngjang mit seinen Tiraden wirklich ernst? Will es wirklich einen Krieg gegen die USA riskieren? Nein, will Nordkorea nicht. Und so verrückt diese Drohungen klingen – unzurechnungsfähig ist Nordkoreas Diktator nicht. Im Gegenteil: Diese Tiraden haben ihre Funktion. Kim muss glaubhaft vermitteln, dass er jederzeit zum atomaren Erstschlag bereit ist. So funktioniert das Prinzip der Abschreckung.

Schon sein Vater Kim Jong Il wusste: Ein Gefecht mit konventionellen Waffen würde die nordkoreanische Armee nicht lange überleben. Zwar ist sie mit geschätzt über einer Million Soldaten eine der grössten Armeen der Welt. Doch insbesondere die Luftstreitkräfte gelten technisch als veraltet.

Bereits unter dem alten Kim machte das nordkoreanische Atom- und Raketenprogramm Fortschritte. Der junge Kim hat die Entwicklung in den letzten fünf Jahren unter seiner Herrschaft noch einmal beschleunigt. Fünf Atomtests hat es seit 2006 gegeben, zwei davon fallen in seine Amtszeit. Derzeit arbeitet das Regime intensiv an Langstreckenraketen, mit denen atomare Sprengköpfe bis an die Westküste der USA getragen werden können. US-Geheimdienste gehen davon aus, dass Pjöngjang schon in weniger als zwei Jahren im Stande sein wird, einen solchen Atomsprengkopf zu entwickeln.

Regierungsnahe Kreise in China weisen schon seit einiger Zeit darauf hin, dass es Pjöngjang aber gar nicht darum geht, die USA anzugreifen. Einen Atomkrieg würde das Land gar nicht überleben. Selbst einen nordkoreanischen Angriff auf den Süden der Halbinsel oder Japan halten sie für wenig wahrscheinlich. Vielmehr dient die Entwicklung einer eigenen Atombombe rein dem Selbstschutz. Kim hat die einstigen Diktatoren Saddam Hussein im Irak und Muammar al-Gaddafi in Libyen vor Augen. Nur Atomwaffen garantieren ihm, nicht jederzeit von den USA gestürzt zu werden. Reizen, Aufmerksamkeit erregen, aber ja nicht zu viel, um allzu heftige Gegenreaktionen auszulösen – das entspricht Kims Logik. Dieses Vorgehen dürfte einem Donald Trump bekannt vorkommen. Vielleicht verstehen sie sich ja.

Felix Lee, Peking


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