Kreml dementiert Anwesenheit von Spezialeinheiten

LIBYEN/ÄGYPTEN ⋅ In und um Libyen mehren sich die Anzeichen, dass Russland auch dort militärisch eingreifen könnte. Der Kreml will davon nichts wissen.
16. März 2017, 07:39

Nein, es gäbe keine russischen Spezialeinheiten in Sidi Barrani. «Mit solcherlei Enthüllungen aus anonymen Quellen halten bestimmte westliche Medien die Öffentlichkeit schon seit Jahren in Atem.» Igor Konaschenkow, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, ist für vehemente Dementis bekannt. Diesmal dementierte der General die Nachrichtenagentur Reuters. Sie hatte Anfang Woche unter Berufung auf ungenannte amerikanische und ägyptische Beamte und Militärs berichtet, im ägyptischen Luftwaffenstützpunkt Sidi Barrani, etwa 100 Kilometer von der Grenze zu Libyen, seien 22 Soldaten einer russischen Spezialeinheit mit mehreren Drohnen eingetroffen (Ausgabe von gestern). Laut Reuters könnte das Erscheinen der russischen Elitekämpfer mit den militärischen Rückschlägen der sogenannten Libyschen Nationalarmee (kurz LNA) unter dem Kommando Khalifa Haftars zusammenhängen. Diese hatten zwischenzeitlich die Kontrolle über mehrere Ölhäfen an islamistische Krieger verloren.

 

«Kein einziger ausländischer Soldat»

Die Reuters-Quellen vermuten, Russland unterstütze Haftar, um den eigenen Einfluss in Libyen wiederherzustellen. Das Land galt unter dem 2011 gestürzten Machthaber Muammar el Ghadhafi als Verbündeter Moskaus. Aber auch ein Militärsprecher in Kairo dementierte: Auf ägyptischem Boden stehe kein einziger ausländischer Soldat, das sei eine Frage nationaler Souveränität. Und der russische Aussenminister Sergei Lawrow erklärte, angesichts der chaotischen Lage seien jetzt in Libyen nicht einmal russische Diplomaten anwesend.

«Es gibt keine libysche Regierung, mit der man verhandeln könnte», sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin. Er schliesst allerdings nicht aus, dass russische Privatsöldner in Libyen aktiv sind. Oleg Krinizyn, Chef der russischen Militärfirma RSB-Group, hatte der Moskauer Mediengruppe RBK bestätigt, Experten seiner Firma hätten in der libyschen Hafenstadt Bengasi eine Fabrik entmint. Laut Reuters waren die Söldner 2016 mehrere Monate in dem Gebiet aktiv, das von Haftars LNA gehalten wird. Und im Oktober 2016 veranstalteten ägyptische und russische Fallschirmjäger bei Alexandria ein gemeinsames Manöver. Laut der russischen Zeitung «Iswestija» verhandelte Russland damals mit Ägypten über die Verpachtung mehrerer militärischer Objekte, darunter die ehemalige sowjetische Luftwaffenbasis Sidi Barrani. Offiziell hat Ägypten Russland keinen Stützpunkt überlassen. Aber die Moskauer Zeitung «Kommersant» schreibt unter Berufung auf russische Regierungskreise, russische Geheimdienstler befänden sich ständig in Ägypten, um die Lage in der Region zu beobachten. «All das lässt vermuten, dass sich tatsächlich Militärspezialisten aus Russland in Sidi Barrani aufhalten», sagt der Moskauer Nahostexperte Orchan Dschemal.

Haftars LNA kontrolliert den Westen Libyens und gilt als kampfkräftigster Gegner terroristischer Gruppen. Laut BBC favorisiert Russland Haftar insgeheim als möglichen Partner in Libyen und spekuliert auf den Hafen von Bengasi als neuen Mittelmeerstützpunkt. Allerdings gilt Haftar eigentlich als Mann der USA, wo er über 20 Jahre im Exil lebte. «Sein gesamtes Business befindet sich dort», so Experte Dschemal. «Er wird kaum ohne Zustimmung aus Washington mit den Russen kooperieren.» Das lasse vermuten, dass es im Kampf gegen den islamistischen Terror geheime Absprachen zwischen Russland und den USA gebe. Andere Experten vermuten, die Russen wollten in Libyen eine neue Front gegen den Terror aufmachen, um US-Präsident Donald Trump doch noch von ihrer Nützlichkeit als Verbündete zu überzeugen.

Stefan Scholl, Moskau


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