Trump versucht sich als Realpolitiker

USA ⋅ Donald Trump hat in der vergangenen Woche geradezu atemberaubende Kurskorrekturen vorgenommen, sowohl in der Aussen- als auch in der Innenpolitik. Was steckt dahinter?
15. April 2017, 09:06

Renzo Ruf, Washington

Donald Trump ist dann mal weg. Bereits am Donnerstag kehrte der Präsident der amerikanischen Hauptstadt den Rücken zu – weil er die Osterfeiertage auf seinem Landsitz in Palm Beach (Florida) verbringt. In Washington schütteln die Politbeobachter derweil ungläubig den Kopf, angesichts der Vorstellung, die Trump in der letzten Woche abgeliefert hatte. Für einmal allerdings sind die Kritiker positiv überrascht: weil sich der Präsident von einigen seiner umstrittensten Positionsbezügen, mit denen er im Wahlkampf des vergangenen Jahres für Schlagzeilen und Stimmung gesorgt hatte, gilt er nun als geradezu normal.

Die folgenschwerste Kehrtwende war wohl Trumps deut­liche Kritik am Regime in Moskau und sein Lob an die Adresse der kommunistischen Führung in Peking. Trump vermied es bisher, die Amtsführung des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu bemäkeln. Doch diese Woche räumte er öffentlich ein, dass sich die bilateralen Beziehungen zwischen den USA und Russland auf einem Tiefpunkt befänden. Hingegen fand er lobende Worte für den chinesischen Präsidenten Xi Jinping, den er vor sieben Tagen in Florida getroffen hatte. Trump beschrieb die Chemie zwischen den beiden Staatschef als «grossartig». Und weil sich die beiden «sehr schätzen» und Xis Frau «sagenhaft» sei, nahm der US-Präsident auch Abstand von seiner Forderung, die chinesische Führung als Währungsmanipulatoren zu sanktionieren. Stattdessen deutete er an, dass ihm ein Deal mit der Pekinger Führung vorschwebe: Falls es Xi gelinge, das Regime in Nordkorea auf den Weg der Vernunft zu führen, dann werde sich Amerika mit einem Handelsabkommen erkenntlich zeigen. Das sind neue Töne, hetzte Trump doch letztes Jahr gegen die chinesischen «Betrügereien».

«Superbombe» in Afghanistan abgeworfen

Das sind nicht die einzigen Beispiele. Trump distanzierte sich auch von seiner Aussage, das Verteidigungsbündnis Nato sei «überflüssig», und er wolle sich in Syrien auf den Kampf gegen den Islamischen Staat konzentrieren. Aussenpolitisch sorgte zudem der Abwurf einer massiven Bombe – der «GBU-43/B Massive Ordnance Air Blast» – auf IS-Stellungen in Afghanistan für grosses Aufsehen (siehe Box). Der massive Sprengkörper tötete mindestens 36 IS-Kämpfer, meldeten afghanische Quellen. Bereits wird in Washington nun darüber spekuliert, dass Trump zusätzliche Bodentruppen nach Afghanistan beordern werde. Auch wurde der Abwurf als Warnung an Nord­korea interpretiert, von einem ­angeblich kurz bevorstehenden Atomtest abzusehen. Trump wollte diese Spekulationen am Donnerstag nicht kommentieren.

Auch innenpolitisch schaffte Trump, der Präsident, Distanz zu Trump, dem Kandidaten. So äusserte er sich plötzlich lobend über Währungshüterin Janet Yellen. Auch sagte der Republikaner, er wolle doch noch einmal einen Anlauf nehmen, um die Gesundheitsreform «Obamacare» zu überarbeiten.

Stellt sich die Frage, warum Trump nun plötzlich Gegensteuer gibt. Eine Theorie: Nach 85 Tagen im Amt hat der Präsident zur Kenntnis genommen, dass die Welt nicht so einfach gestrickt ist, wie er sie im Wahlkampf dargestellt hatte. Eine andere Theorie: Trump schenkt nun Beratern Gehör, die dringend benötigte politische Erfolge ermöglichen – während der Einfluss von Ideologen wie Steve Bannon beschnitten wurde.


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