Angst vor einer neuen Intifada

ISRAEL ⋅ Nach dem Attentat auf dem Tempelberg fürchten einige Politiker eine Eskalation der Anspannung. Israels Staatschefs Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas berieten sich telefonisch.
17. Juli 2017, 07:38

Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf dem Tempelberg in Jerusalems Altstadt dürfen gläubige Muslime wieder zum Gebet in die Al-Aksa-Moschee und den Felsendom gehen. Das Gelände war seit dem Anschlag am Freitag, bei dem zwei israelische Grenzpolizisten sowie die drei Attentäter getötet wurden, gesperrt geblieben, was zu heftigen Protesten führte.

Um sicherzustellen, dass keine Waffen auf den Tempelberg geschmuggelt werden, stellten die Sicherheitsbeamten Metalldetektoren an Zugängen zum Platz vor dem Tempeldom und zur Al-Aksa-Moschee auf. Die drei Angreifer, Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft, waren mit Schusswaffen gekommen. Dutzende Gläubige protestierten gegen die «Verletzung des Status quo» durch die Metalldetektoren und verweigerten sich der Kontrolle. Sie blieben vor den Zugängen, riefen, dass sie «mit Blut und mit Seele» die Al-Aksa-Moschee beschützen würden. Federführend bei dem Protest waren Vertreter der Wakf, einer islamischen religiösen Stiftung, die im Auftrag Jordaniens die muslimischen Pilgerstätten in Israel und den Palästinensergebieten verwaltet. Israel kündigte an, den Tempelberg schrittweise wieder ganz zu öffnen, sollte es nicht zu neuer Gewalt kommen. Das Gelände soll ab heute bereits wieder für Touristen geöffnet werden.

Das Attentat vom Freitag könnte Auslöser einer neuen Gewaltwelle werden. Der für Juden und Muslime heilige Tempelberg muss immer wieder herhalten für die Hetzkampagnen der Extremisten auf beiden Seiten. Israels Oppositionspolitiker Ayman Odeh, Chef der arabisch-antizionistischen vereinten Liste, warnte gar vor einer dritten Intifada.

Kritik an israelischen Sicherheitsmassnahmen

Zum ersten Mal seit gut einem Jahr brachten der Anschlag und die Sorge vor möglichen Konsequenzen Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas dazu, sich telefonisch zu beraten. Auch die Führungen in Kairo und Amman seien über Israels Sicherheitsmassnahmen informiert gewesen, wie das Nachrichtenportal Ynet berichtete. Jordanien verurteilte die temporäre Schliessung der Pilgerstätte.

Mustafa Abu Sahra, Vertreter der Wakf in Jerusalem, schimpfte auf Israels Polizei und ihre neuen Sicherheitsmassnahmen. «Der Tempelberg ist heilige Stätte der Muslime. Die Al-Aksa-Moschee gehört 1,7 Milliarden Muslimen und ist nicht Israels Eigentum», sagte er gestern am Telefon. Die Metalldetektoren «werden uns nicht schützen», meinte Abu Sahra. Am Wochenende hätten israelische Polizisten die Moscheen «mit Schuhen betreten und alle Dokumente geprüft, auch im Felsendom».

Ein israelisches Ministerialkomitee stimmte am vergangenen Sonntag einstimmig für einen Gesetzesentwurf des nationalreligiösen Erziehungsminis-ters Naftali Bennett, des Chefs der Siedlerpartei. Bennetts Reformvorschlag würde das Votum von mindestens 80 der insgesamt 120 Knessetabgeordneten voraussetzen, um über eine Teilung Jerusalems und die Aufgabe der Souveränität über Bezirke im Osten der Stadt zu entscheiden.

Gesetzesentwurf spaltet Knesset

Ein Kompromiss für die von beiden Konfliktparteien als Hauptstadt beanspruchte Stadt wäre damit praktisch ausgeschlossen. Der Abgeordnete Ahmad Tibi (Vereinte Liste) verurteilte den Reformentwurf, mit dem die Regierung «Öl ins Feuer» der aktuellen Anspannung giesse.

Tibi distanzierte sich von dem Attentat auf dem Tempelberg. «Der Einsatz von Waffen ist tabu.» Das bedeute jedoch nicht, dass man sich nicht gegen die Besatzung äussern dürfe.

 

Susanne Knaul, Jerusalem


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