Bürgerjournalismus gegen Zensur

VENEZUELA ⋅ In «Reporte ya» twittern die Venezolaner ihre eigene Chronik der Krise. Eine Lokalzeitung bildet die Bevölkerung mit Seminaren zu Reportern aus, die live Infos von den Missständen im Land berichten.
18. Juli 2017, 07:34

Sandra Weiss, Caracas

Sonntag morgen, auf dem Platz von Los Palos Grandes im Osten der venezolanischen Hauptstadt. Alle 100 Stühle unter der schattigen Plane sind besetzt, auch auf den umliegenden Steinbänken sitzen dicht gedrängt Studenten und Ärzte, Sekretärinnen, Architekten, Arbeitslose, junge Elternpaare und Rentner. «Sich und andere im Notstand informieren» lautet das Thema des Seminars; Redner sind zwei lokale Twitter-Grössen. Ganz normale Menschen wie sie sind die Antwort Venezuelas auf die «Kommunikationshegemonie» der linken Regierung unter Machthaber Nicolás Maduro.

Alle Anwesenden sind potenzielle Bürgerreporter, die lernen wollen, wie sie einseitige Informationen, Fake News und die Zensur der Regierung umgehen können und wie sie am besten ihre eigene Geschichte von der Krise in Venezuela erzählen. Sie erhalten praktische Verhaltenstipps, wie man sich vor Polizeiübergriffen und Tränengasbomben schützt oder sein Handy ­wackelfrei hält, genauso wie redaktionelle Unterweisungen, dass zum Beispiel jedes Video, jedes Foto, jede Anklage auf sozialen Netzwerken mit Datum, Ort und Uhrzeit versehen sein sollte.

Medien verkümmern zu Propagandainstrumenten

Dutzende dieser Gratis-Freiluft-Seminare hat die Stiftung der Zeitung «El Nacional» im ganzen Land durchgeführt, über 7000 Venezolaner wurden bislang im Umgang mit digitalen Medien in Krisenzeiten geschult. «Vom Schulkind aus dem Armenviertel bis zur pensionierten Ingenieurin, über Politiker, Ärzte und sogar Bischöfe», schmunzelt Patricia Rodríguez, Koordinatorin des Projekts «Reporte ya». Ins Leben gerufen wurde das Projekt im Jahr 2010 – damals eher als Versuch, die beginnenden sozialen Netzwerke journalistisch auszuloten und um die Bevölkerung politisch fortzubilden. «Uns wurde aber schnell klar, welchen Schatz wir da in der Hand hatten», erzählt Rodríguez.

Denn bald schon begannen die Schikanen gegen oppositionelle, bürgerliche Medien. Zuerst verbal, dann wurden Lizenzen entzogen oder nicht verlängert, es folgten Klagen in Millionen­höhe, die Zuteilung von Devisen und Papier wurde immer knapper. Viele renommierte bürgerliche Zeitungen, Radio- und TV-Sender hielten dem Angriff nicht stand, darunter Globovisión, Cadena Capriles und El Universal. Eigene Korrespondenten in den Regionen konnten sie sich bald nicht mehr leisten. Irgendwann verkauften die Besitzer – meist an der Regierung nahestehende Investoren. Unter den neuen Eignern verkümmerten die Medien zu Propagandainstrumenten der Herrschenden. Kritische, ausländische Seiten und Sender werden blockiert.

«El Nacional» halbierte zwar seine Auflage, widerstand aber – und wurde nicht enttäuscht. Bald schon erhielten Rodríguez und ihre sechs Mitarbeiter von den Bürgerjournalisten exklusive Informationen aus dem ganzen Land, über Medikamenten- und Güterknappheit, zerfallende Fabriken, marode Hospitäler. Informationen, die sie über das Twitter-Konto von «Reporte ya» weiterverbreiteten.

Referendum und Strassenproteste

Caracas Bei einer symbolischen Volksabstimmung in Venezuela gegen die sozialistische Regierung von Präsident Nicolás Maduro hat sich über ein Drittel der Stimmberechtigten beteiligt. 7,1 Millionen Wähler haben gegen die geplante Verfassungsreform Maduros gestimmt.

Das teilte die venezolanische Opposition am späten Sonntagabend (Ortszeit) mit. Das entspreche 95 Prozent der abgegebenen Stimmen. Insgesamt waren 19 Millionen Venezolaner zur Volksabstimmung aufgerufen.

«Wer die grosse Beteiligung an der Abstimmung verneint, der lebt nicht in Venezuela. Alle haben die langen Schlangen von Wählern gesehen. Das Volk hat der Regierung gesagt, was es will: Frieden. Fast alle Beteiligten haben mit Ja gestimmt», sagte eine Wahlbeobachterin der grössten Universität Venezuelas. (sda)

Von 5000 Nutzern stieg die Fangemeinde auf heute 480 000 an. «Dank der Informationen hatten wir ein aktuelles, landesweites Röntgenbild der Mangelwirtschaft», so Rodríguez. Es war der Grundstock für das erste datenjournalistische Projekt von «El Nacional» über die Güterknappheit in Venezuela. «Reporte ya» wurde schnell mehr als nur ein Abbild des sozialen und wirtschaftlichen Niedergangs. In ihrer Verzweiflung starteten die Leute Medikamenten-Tauschbörsen über Twitter. «Wir haben sie untereinander vernetzt und Kriterien etabliert, dass etwa der Suchende ein ärztliches Rezept hochladen und den Wirkstoff nennen muss und dass der Anbieter sicherstellt, dass das Medikament noch vollständig und nicht abgelaufen ist», erzählt Rodrí­guez. Bei Wahlen fungiert die Plattform ausserdem als virtueller Wahlbeobachter, denn bei «Reporte ya» laufen zeitnah Informationen aus dem ganzen Land über Zwischenfälle und Unregelmässigkeiten ein.

Mehr Handys als Einwohner

Die Tweets, die oft auch international Echo finden, zwingen die Machthaber zu Reaktionen. «So sehen die Medien der Zukunft aus. Sie müssen einen Nutzen haben, Sinn machen für die Leser», sagt Rodríguez.

In Venezuela gibt es mehr Handys als Einwohner, es ist das lateinamerikanische Land mit der proportional grössten und aktivsten Internetgemeinde, die Jugendlichen scheinen mit dem Smartphone und den sozialen Medien verwachsen zu sein.

Dutzende der über 90 Morde, die es seit Beginn der Proteste vor drei Monaten gegeben hat, wurden deshalb live gefilmt – viele von Bürgern oder Demonstranten, die zur rechten Zeit das Handy parat hatten. «Die Informationen zu kuratieren und zu überprüfen, ist nicht immer einfach», sagt Rodríguez.


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