Kopf des Tages

Der Philosoph im Dienste des Staates

KONFUZIUS ⋅ Obwohl seit 2500 Jahren tot, steht der chinesische Philosoph heute wieder hoch im Kurs. Auch bei der Partei, die ihn einst ächtete.
19. Juni 2017, 07:30

Während der Kulturrevolution stürmten Chinas Rotgardisten den Tempel von Konfuzius in Qufu und zerstörten sein Grab. Konfuzianische Werte, wie etwa Respekt gegenüber Eltern oder Harmonie in der Gesellschaft, waren unter Mao verpönt. Nach dem Tod des Revolutionsführers wurde Konfuzius wieder salonfähig. Heute ist der damals Geächtete ein Nationalheiliger.

Der Verwalter von Konfuzius’ Familienregister hat dessen Stammbaum komplett überarbeitet. Die digitalisierte Abstammungslinie gilt als der detaillierteste und umfangreichste Stammbaum der Welt. Demnach hat Konfuzius mehr als zwei Millionen Nachfahren, denen ihre Blutlinie im heutigen China zu Ansehen gereicht. Selbst bei der Partei, die Konfuzius einst verdammte, steht der im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung Geborene wieder in hohen Ehren.

Die meisten Chinesen werden Konfuzius als den wichtigsten Philosophen der Nation schlechthin bezeichnen. Konfuzius schuf einen ethischen Kodex der Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit, aus dem Machthaber die sozialen Pflichten Loyalität, kindliche Pietät sowie Anstand und Sitte ableiteten. Heute gilt Konfuzius als Übervater der Nation, von dem 83 Generationen abstammen. Im Chinesischen lautet der Familienname Konfuzius «Kong». Wer immer Kong heisst, kann sich auf einer Internetseite einloggen und erfahren, ob Blut des berühmten Mannes auch in seinen Adern fliesst.

Der Stammbaum ist der weltweit grösste seiner Art. Als Grundlage dienten 43 000 Seiten mit 20 Millionen chinesischen Schriftzeichen, die in insgesamt 80 gedruckten Bänden zwei Millionen Nachkommen aufführten. Jetzt ist alles digitalisiert, was die Eingabe der Namen neuer Nachfahren erleichtert. Zu den jüngsten Zugängen zählen Angehörige ethnischer Minoritäten, Frauen und auch die chinesische Diaspora, insbesondere von Hongkong, Taiwan und Südkorea. Begonnen worden war das Werk während der Ming Dynastie (1368 – 1644). Geplant waren Überarbeitungen alle 30 Jahre, und alle 60 Jahre eine gründliche Überholung. Jetzt gehört bloss der Name eingegeben, und die Webseite zeigt die komplette Hierarchie des Stammbaumes an. Das System ordnet blitzschnell die nahen und fernen Verwandten sowie Ortschaften zu.

Für die Partei steht Konfuzius als Mahner für soziale Stabilität auch im Dienste des Staates. Präsident Xi Jinping sagte bei der Feier zu Konfuzius’ 2565. Geburtstag im Jahr 2013: «Konfuzianismus hält sich an das Prinzip, dass Theorien der Verwaltung von Staatsangelegenheiten dienen und dem wahren Leben zugute kommen müssen.» Seit 2013 ist auch gesetzlich verankert, dass erwachsene Kinder ihre alternden Eltern besuchen müssen, und zur Resozialisierung wird in einem Gefängnis das erste konfuzianische Klassenzimmer angeboten.

 

Daniel Kestenholz, Bangkok


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