Frankreich: Die Chance packen

KOMMENTAR ⋅ Brüssel-Korrespondent Remo Hess zur Frankreich-Politik.
16. Mai 2017, 07:07

Emmanuel Macron hat für Europa die Kastanien aus dem Feuer geholt und die rechts­extreme Marine Le Pen verhindert. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat dies nicht vergessen, wenn sie sagt, sie begegne dem neuen französischen Präsidenten «voller Sympathie». Trotzdem werden aus ihrer Partei nur Tage nach Macrons Amtsantritt Stimmen laut, die dessen europapolitischen Ideen anstandslos eine Abfuhr erteilen.

Dazu gehört Finanzminister Wolfgang Schäuble, auch wenn er zuletzt eingeräumt hat, dass der deutsche Exportüberschuss zu hoch sei. Frankreich müsse zuallererst sich selbst helfen, so Schäuble mit geradezu preussischer Strenge. Diese Haltung ist unklug. Denn der Präsident braucht für seine Reformen, die ihm zu Hause noch genug Sorgen bereiten werden, nicht nur Geld und Zeit, sondern auch moralische Unterstützung.

Sein Angebot für eine umfassende Auffrischung der deutsch-französischen Freundschaft ist eine einmalige Chance. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich Macron anderweitig Hilfe holt. Etwa indem er sich wie sein Vorgänger mit Italien und Spanien gegen Berlins Spar­diktat zu verbünden versucht.

Ohnehin verlangt Macron nicht, dass die deutschen Steuerzahler künftig für die Franzosen die Rechnungen bezahlen, wie es vielfach geschrieben wurde. Er bittet lediglich – durch und durch europäisch – um Solidarität und Entgegenkommen. Fest steht: Scheitert Macron, ist das Risiko gross, dass in fünf Jahren tatsächlich der Front National die Macht übernimmt. Und wie es dann um die deutsch-französische Freundschaft und damit um die Zukunft der EU bestellt wäre, ist in den letzten Wochen genug beschrieben worden.

Remo Hess, Brüssel

nachrichten@luzernerzeitung.ch


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