Kopf des Tages

Maike Kohl-Richter: Dunkle Schatten über dem Vermächtnis des Altkanzlers

Von der Witwe Helmut Kohls hängt ab, was mit dem Nachlass des Altkanzlers geschieht – und welches Bild Kohls die Geschichtsbücher dominieren wird.
20. Juni 2017, 04:39

Als eine «Art Fortsetzungsroman» beschrieb der «Spiegel» einst die familiären Verhältnisse im Hause Kohl. Die zentralen Kapitel: der Suizid der ehemaligen First Lady Hannelore Kohl, das Zerwürfnis Helmut Kohls mit seinen Söhnen Peter und Walter – und schliesslich die Ehe des Ex-Kanzlers mit der 34 Jahre jüngeren Ökonomin Maike Richter, die er 2008 in Heidelberg heiratete.

Kohls zweite Ehe: Das ist der Schatten, der über dem Vermächtnis des Altkanzlers liegt und der das Verhältnis Kohls zu seinen Kindern und seiner Partei gleichermassen zu prägen scheint. Peter Kohl, der jüngere Sohn Helmuts und Hannelore Kohls, schildert die Hochzeit des Paares, das sich Mitte der 1990er-Jahre im Kanzleramt kennenlernte, als Kulminationspunkt einer sich lange anbahnenden Tragödie. In seinem vielfach als Abrechnung mit dem Vater verstandenen Buch über seine Mutter Hannelore zeichnet Peter Kohl ein Bild Maike Kohl-Richters als einer höchst besitzergreifenden Persönlichkeit, die ihren Ehemann von der Öffentlichkeit isoliere und ihm gar den Umgang mit den eigenen Söhnen verbiete. Tatsächlich mieden Helmut Kohl und seine zweite Ehefrau in der zurückliegenden Dekade die Öffentlichkeit. Als Kohl-Richter im Sommer 2014 der «Welt am Sonntag» eines ihrer seltenen Interviews gab, war die Irritation gross – auch unter Parteifreunden in der Union. Trotz ihrer Beteuerung, sie sei «nicht in Helmut Kohls Leben getreten mit dem Anspruch, sein Leben zu verändern», gelang es Kohl-Richter nie, das Image der bösen Stiefmutter abzulegen, die sich nicht nur im privaten Umfeld anmassend verhalte.

Laut Peter Kohl begann Kohl-Richter kurz nach der Eheschliessung, den Hochzeitsschmuck der verstorbenen Hannelore Kohl zu tragen – und sie habe auch versucht, die Deutungshoheit über Helmut Kohls poli­tisches und damit historisches Vermächtnis zu erlangen. Bereits vor Jahren kam es bezüglich des privaten Nachlasses des Altkanzlers zum Streit mit der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Offen hochgekocht ist der Streit zwischen Partei und der Nachlassverwalterin Kohl-Richter wenige Tage nach dem Tod des Ex-Kanzlers zwar nicht. Erste mahnende Stimmen aus der Union fordern aber bereits, den Nachlass «einer breiten Öffentlichkeit zugänglich» zu machen.

Der sich anbahnende Kampf um den Nachlass tangiert nichts Geringeres als das historische Bild Kohls, das in die Geschichtsbücher eingehen wird. Wird der Eindruck vom Einheitskanzler und grossen Europäer dominieren? Oder wird es das Bild jenes Machtpolitikers sein, der seiner Partei mit der Spendenaffäre nachhaltig schadete und dem sich auch die eigene Familie bedingungslos unterzuordnen hatte? Kohl-Richter ist stets als Verteidigerin ihres Ehemannes aufgetreten. Den Umgang der CDU mit Kohl in der Spendenaffäre beschrieb sie in der «Welt am Sonntag» gar als Racheakt.

Isabelle Daniel


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