Erdrückende Beweislast

FLUGZEUGUNGLÜCK ⋅ Drei Jahre nach dem MH17-Abschuss verdichten sich die Indizien, dass eine russische Flak-Mannschaft die Passagiermaschine abgeschossen hat.
17. Juli 2017, 07:37

Heute jährt sich der Abschuss der malaysischen Boeing mit der Flugnummer MH17 über dem Kriegsgebiet im Donbass zum dritten Mal. Es gilt inzwischen als sicher, dass die Passagiermaschine in 10 Kilometern Höhe von einer Rakete eines Buk-M1-Flug­abwehrsystems getroffen wurde. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die niederländischen Behörden, die die Ermittlungen leiten, wollen die Schuldigen vor Gericht zur Verantwortung ziehen. Der malaysische Transportminister Liow Tiong Lai sagte vor wenigen Tagen, eine namentliche Liste der Schuldigen könne bis Anfang 2018 veröffentlicht werden. Es zeichnet sich ab, dass die meisten Angeklagten Russen sein werden.

Nach den Ergebnissen des internationalen Ermittlungsteams wurde das Buk-System vor dem Abschuss aus Russland in das Kampfgebiet gebracht. Die tödliche Rakete startete von einem Feld unweit des von den Rebellen kontrollierten Dorfes Perwomaiskoje aus. Nach Angaben des britischen Rechercheteams Bellingcat wurde sie von einer Bedienungsmannschaft der 53. russischen Flugabwehrbrigade abgefeuert. Auch die ersten Namen der Befehlshaber des Buk-Einsatzes sind bekannt: So soll der bei Rostow am Don lebende russische Aufklärungsoberst a. D. Sergei Dubinski den Transport des Flak-Systems in die Ukraine organisiert haben. Dubinski ist Afghanistanveteran, keineswegs ein typischer Kriegsverbrecher. Laut der russischen Zeitung «Nowaja Gastea» ermöglichte Dubinski im Donbass die Freilassung vieler ukrainischer Kriegsgefangener.

Aber das entschärft die Anklage gegen Russland nicht: «Waren im Donbass etwa keine russischen Panzer, keine russischen Vertragssoldaten?», schimpft die weissrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Aleksejewitsch. «Ohne russische Waffen gäbe es dort gar keinen Krieg.» Wladimir Putin beteuert seine Unschuld. Sicher besässen die US-Geheimdienste Informationen über den Abschuss der MH17-Boeing, sagte er dem US-Regisseur Oliver Stone. «Washington will die Schuld auf die Aufständischen schieben und indirekt auf Russland, das sie unterstützt.»

«Der Prozess wird eine Publicity-Veranstaltung»

«Der Prozess wird eine Publicity-Veranstaltung. Obama hat sofort nach dem Abschuss gesagt, das seien die Aufständischen gewesen», klagt der russische Militärexperte Viktor Litowkin. «Seitdem arbeiten alle westlichen Behörden und Ermittler in diese Richtung.» Auch liberale Medien versuchen, Gegenbeweise zu liefern. So veröffentlichte die Enthüllungszeitung «Sowerschenno Sekretno» unlängst ein Dienstschreiben des ukrainischen Grenzschutzes vom 20. Juli 2014, nachdem man kein Buk-System registriert habe, das die russisch-ukrainischen Grenzen überquerte. Indes hatten die ukrainischen Grenzschützer damals die Kontrolle über weite Grenzabschnitte zwischen Russland und den Rebellengebieten verloren. Die Redaktion ruft zu einer «Volks­ermittlung» auf: «Nur mit Ihrer Hilfe können wir andere verbrecherische Befehle bekommen.» Fraglich, ob der Patriotismus der Volksfahnder ausreicht, um die bedrohte Ehre der vaterländischen Militärs zu retten.

Für den Grossteil der Russen ist eine russische Schuld undenkbar. Pawel Kanygin, Reporter der «Nowaja Gaseta», der zur Identifizierung Dubinskis beigetragen hat, sagt: «Beim Recherchieren hast du das Gefühl, dich weit jenseits der Wirklichkeit zu bewegen, die sich meine Landsleute überhaupt vorstellen können.»

 

Stefan Scholl, Moskau


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