Hilferuf aus dem Jemen

EPIDEMIE ⋅ Nach einem massiven Ausbruch der Cholera mit über 120 Toten rufen die jemenitischen Huthis den Notstand aus und bitten die Welt um Hilfe.
17. Mai 2017, 14:49

Mehr als zwei Jahre nach dem Beginn des Bürgerkrieges im Jemen ist in Sanaa die Cholera ausgebrochen. Die mit Brechdurchfall beginnende Epidemie hat innerhalb von zwei Wochen mehr als 120 Tote gefordert. Da im gleichen Zeitraum inzwischen weit mehr als 8500 akute Krankheitsfälle festgestellt worden sind, haben die überforderten Behörden in der jemenitischen Hauptstadt den Notstand erklärt und die internationale Staatengemeinschaft um Unterstützung gebeten.

Die Eindämmung der sich vor allem durch kontaminiertes Wasser und befallene Lebensmittel ausbreitenden Cholera-Epidemie, sei nur mit Hilfe aus dem Ausland möglich, erklärte das von den schiitischen Huthis geführte Gesundheitsministerium in Sanaa. Das südarabische Land stehe vor einer Katastrophe nie da gewesenen Ausmasses. In der Hauptstadt wurden nach Angaben der Weltgesundheitsbehörde (WHO) zwar zehn Zentren eröffnet, in denen Kranke Kochsalzlösungen und Antibiotika erhalten. Diese würden aber nicht ausreichen, um die sich rasant ausbreitende Epidemie zu bekämpfen.

Trinkwasserleitungen sind zerstört

Für den Zusammenbruch des Gesundheitssystems machen die Huthis Saudi-Arabien und die USA verantwortlich. Dauerbombardements aus der Luft hätten die Trink- und Abwasserleitungen im Land grösstenteils zerstört. Die Erreger können daher leichter ins Wasser geraten und sich bei heissem Wetter schneller verbreiten. Nach Erkenntnissen der WHO leben rund 7,6 Millionen Jemeniten in Gebieten, die einem hohen Risiko einer Cholera-Übertragung ausgesetzt sind. Ebenso viele Menschen seien ohne eine massive Anstrengung der Weltgemeinschaft vom Hungertod bedroht, warnten kürzlich die Vereinten Nationen.

Sie schätzen den finanziellen Bedarf zum Kauf von Über­lebenshilfe für dieses Jahr auf 2,1 Milliarden Dollar. Auf Geberkonferenzen zugesagt wurde etwa die Hälfte des Betrages. Allerdings kann die Überlebenshilfe gegenwärtig nur unter allergrössten Schwierigkeiten in den Jemen gebracht werden, weil die saudische Luftwaffe den grössten Hafen des Landes in Hodeida weitgehend zerstört hat. Die Lieferung von neuen Lastkränen wird von der Führung in Riad seit Monaten blockiert. Sie macht die vom Iran unterstützten schiitischen Huthis für die humanitäre Katastrophe im Jemen verantwortlich. Dass der Konflikt im ärmsten Land Arabiens nicht militärisch zu lösen ist, wollen die Saudis auch im dritten Kriegsjahr nicht einsehen.

Durch ihre massive Intervention hat sich der Zerfall des Landes beschleunigt. Nutzniesser sind Al-Kaida und der sogenannte Islamische Staat. Die beiden Terrorgruppen kontrollieren grosse Gebiete im Osten und Süden des Jemens. Für zusätzliche Spannungen sorgt eine Separatistenbewegung, die in der letzten Woche die Kontrolle über die südjemenitische Hafenstadt Aden übernommen hat. Ihre Sprecher drohten damit, den Südjemen, der sich erst 1990 mit dem Norden vereinigt hatte, wieder für unabhängig zu erklären.

 

Michael Wrase, Limassol


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