Städtchen Predappio: Das schwere Erbe von Ex-Diktator Benito Mussolini

ITALIEN ⋅ Das Städtchen Predappio in der Emilia-Romagna, Geburtsort und letzte Ruhestätte von Ex-Diktator Benito Mussolini, ist seit Jahrzehnten bevorzugter Pilgerort für Neofaschisten. Nun will der linke Bürgermeister aus der Not eine Tugend machen.
15. Juli 2017, 08:56

Dominik Straub, Predappio

Die Idee ist so einleuchtend wie einfach: Wenn es in Italien schon so viele Leute gibt, die einer Geschichtslektion bedürfen, dann erteilt man sie ihnen am besten dort, wo sie sich am liebsten zusammenrotten. Also in Predappio, wo der Duce am 29. Juli 1883 geboren wurde und wo er und seine Familie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. «Es ist nun einmal so: In Predappio atmet alles den Geist Mussolinis», sagt Bürgermeister Giorgio Frassineti. Man habe sich das nicht ausgesucht, aber man könne es auch nicht ändern. Aber man könne versuchen, «aus dem Schlechten etwas Positives für die Zukunft zu gewinnen» – indem man etwas schaffe, was dazu beitragen könne, dass sich das Böse nicht mehr wiederhole.

Die Idee eines «Faschismus-Museums» beseelt den bärtigen Bürgermeister, der das Parteibuch des sozialdemokratischen Partito Democratico von Ex-Premier Matteo Renzi besitzt, schon eine Weile. Wobei Frassineti die Bezeichnung «Museum» nicht mag: «Das hätte einen deplatzierten feierlichen Beiklang.» Stattdessen soll ein «Dokumentationszentrum für die Geschichte des 20. Jahrhunderts» entstehen, in welchem die Verbrechen des Faschismus, die Deportationen, die Rassengesetze, der Kriegseintritt Italiens an der Seite von Adolf Hitlers Wehrmacht thematisiert werden. «Die Aufklärung über das ‹Ventenni› (die faschistische Diktatur Mussolinis, Anm. d. Red.) ist notwendiger denn je», sagt Frassineti.

Regelmässige Aufmärsche von Rechtsextremen

Seit im Jahr 1957 die sterblichen Überreste Mussolinis in den Friedhof von Predappio übergeführt worden waren, erlebt das 6000 Einwohner zählende Städtchen in den Hügeln der Emilia-Romagna regelmässig Aufmärsche von Rechtsextremisten. Die wichtigste Etappe der rechtsextremen Pilgerreisen ist jeweils die Familiengruft des Duce auf dem Friedhof von Predappio. Dieser liegt einen Kilometer weit vom Hauptort entfernt in einem Tal. Weil kein Schild den Weg zum Grab weist, gestaltet sich die Suche auf dem grossen Monumentalfriedhof schwierig. Schliesslich ist die Mussolini-Gruft gefunden: Sie befindet sich in einer Krypta, in der sechs weisse Marmor-Sarkophage stehen. In ihnen ruhen Benito Mussolini, seine Gattin Rachele sowie ihre Kinder Bruno, Vittorio, Romano und Annamaria. Vor dem Sarkophag des Diktators steht andächtig ein Ehepaar in den mittleren Jahren. «Ja, ich bin ein Bewunderer Mussolinis», sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. «Italien bräuchte wieder einen wie ihn.» Die Korruption, die Selbstbereicherung der Politiker, die Migranten – «den ganzen Dreck hätte es beim Duce nicht gegeben», sagt der Mann.

Die Zeit sei gekommen, dass man sich mit dem Faschismus nicht nur in den Universitäten, sondern auch ausserhalb beschäftige, betont Bürgermeister Frassineti. Predappio sei «geeigneter als jede andere Gemeinde», dafür eine Plattform zu schaffen. Tatsächlich ist der Ort schon heute eine Art Open-Air-Museum: Das heutige Predappio ist eine Neugründung aus der Mussolini-Zeit. Neben dem Geburtshaus und der Gruft steht an der Hauptpiazza die «Casa del Fascio», in der das «Dokumentationszentrum für das 20. Jahrhundert» untergebracht werden soll.

«Völlig verzerrtes Bild von Predappio»

Auch durch die Gemeindeverwaltung weht bis heute der Geist Mussolinis. Das Büro des linken Bürgermeisters war einst das Schlafzimmer Benito Mussolinis und seines jüngeren Bruders Arnaldo gewesen. «Der Palazzo beherbergte damals die Grundschule, und weil die Mutter Mussolinis, Rosa Maltoni, Lehrerin war, hatte die Familie das Recht, in der Schule zu wohnen», sagt Frassineti. In dem sehr viel kleineren Geburtshaus, das einige hundert Meter entfernt liegt, habe Mussolini nur kurze Zeit gelebt.

Die Souvenirläden an der Hauptstrasse, in denen Duce-Büsten, Faschismus-Devotionalien und auch Hakenkreuze oder Hitlers «Mein Kampf» feilgeboten werden, sind dem Bürgermeister ein Gräuel. Das «völlig verzerrte Bild» Predappios, das diese Läden und die regelmässigen Aufmärsche der Faschisten im kollektiven Bewusstsein Italiens hätten entstehen lassen, stört den 52-Jährigen zutiefst. «Die ganze Welt denkt, wir seien Faschisten, dabei sind wir solidarische und arbeitsame Leute», sagt Frassineti. Und er erinnert daran, dass sämtliche seiner Amtsvorgänger nach dem Krieg ebenfalls Kommunisten und Linke waren, von der Mehrheit der Einwohner demokratisch gewählt.

«Predappio ist mit dem schweren Erbe Mussolinis während Jahrzehnten komplett alleingelassen worden, wir wurden richtiggehend isoliert, auch von der Regierung in Rom», kritisiert Frassineti. «Unsere Gegner nannten sich Vorurteil, Banalisierung und Verdrängung der Geschichte.» Dank dem Museumsprojekt habe sich dies geändert: «Wir sind nicht mehr allein, wir werden von Universitäten und einer hochkarätigen Historikerkommission unterstützt.» Predappio, sagt Frassineti, wolle «ein Punkt auf der europäischen Landkarte werden, der helfen soll, die Tragödien des 20. Jahrhunderts zu verstehen.» Ein heller, aufklärerischer Punkt, kein anrüchiger mehr.


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