Kopf des Tages

Macrons neue Generalin heisst Sylvie Goulard

ARMEE ⋅ Frankreichs neue Verteidigungsministerin Sylvie Goulard ist die wichtigste Frau im Kabinett von Emmanuel Macron. Sie muss gleich mehrere Militäreinsätze leiten.
19. Mai 2017, 04:39

Sie wird schon mit der deutschen Verteidigungsministerin verglichen und als «die französische Ursula von der Leyen» bezeichnet. Dass die beiden Kernländer Europas ihre Armeen durch Frauen leiten lassen, ist durchaus bemerkenswert. Auch gibt es durchaus Parallelen zwischen Sylvie Goulard (52) und ihrer illustren Berufskollegin von jenseits des Rheins: Beide gelten als politisch liberal und christdemokratisch, aber nicht unbedingt als Militärexpertinnen. Goulard stammt jedoch nicht aus noblem Haus, sondern aus der volkstümlichen Hafenstadt Marseille. Von dort bringt sie ein starkes Temperament mit, das ihr als «ministre des Armées» (so ihr offizieller Titel) zu Diensten sein wird.

Die dreifache Mutter und Absolventin der Pariser Eliteschule ENA verfügt über solide Ansichten und ein ebensolches Mundwerk. In der Zeitung «Le Monde» meinte ein anonymer Berufskollege gar, Goulard sei alles andere als diplomatisch und neige dazu, die Leute von oben herab zu nehmen. Für durchsetzungsstarke Armeechefs ist das allerdings nicht unbedingt ein Nachteil.

Wer die 52-jährige Berufs­juristin schon in Europa-Debatten erlebt hat, muss einräumen, dass sie ihre Standpunkte notfalls auch vehement einzubringen weiss – und zwar genauso auf Französisch, Deutsch, Englisch oder Italienisch. Europa ist ihre Leidenschaft. Die gut vernetzte EU-Abgeordnete gehört zur Alde-Fraktion des belgischen Liberalen Guy Verhofstadt. Von 2001 bis 2004 war sie in Brüssel politische Beraterin des damaligen EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi.

Jahrelange und sehr enge Beziehungen pflegt Goulard nach Berlin, wo sie Wolfgang Schäuble nahesteht. Für Emmanuel Macron, dem sie sich sehr früh angeschlossen hatte, organisierte sie ein in Frankreich vielbeachtetes Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel. Noch wichtiger: Sie überzeugte den Christdemokraten François Bayrou, nicht selber für den Elysée-Palast zu kandidieren, sondern sich Macron anzuschliessen. Frankreichs neuer Staatschef verdankte es ihr nun fürstlich: Er betraut sie mit dem viertwichtigsten Regierungs­posten, dem wichtigsten auch, den er einer Frau reserviert hat. Die Pariser Medien hatten Goulard eher in einem subalternen Europa-Staatssekretariat gesehen.

Als Verteidigungsministerin muss die energische Proeuropäerin die zahlreichen Militäreinsätze Frankreichs organisieren und koordinieren. Es sind sehr schwierige und dazu auch sehr politische Missionen. Nach den schweren Terroranschlägen von 2015 und 2016 beteiligt sich die französische Armee mit Tausenden von Soldaten an der Einhaltung des Ausnahmezustandes. In Syrien und Irak beteiligt sich die französische Luftwaffe an den Einsätzen gegen die IS-Milizen. Und in der Sahelzone versucht die Operation Barkhane seit 2014, die Rückkehr der Wüsten-Dschihadisten zu verhindern und damit den strategischen Staat Mali abzusichern.

Schon diesen Freitag will Goulard mit ihrem doppelten Vorgesetzten Macron – er ist als Staatspräsident von Verfassung wegen auch oberster Armeechef – die französischen Soldaten in Mali besuchen. Dort, im fernen Afrika, wird die Ministerin ihren europäischen Überzeugungen nachleben können: Die deutsche und die französische Regierung wollen die EU-Mission für die Ausbildung malischer Soldaten und Polizisten gemeinsam aufwerten, um diesen Brandherd des westafrikanischen Dschihadismus nachhaltig zu entschärfen.

In Frankreich muss Goulard eine Armeereform dirigieren. Macron hat im Wahlkampf versprochen, die Verteidigungsausgaben auf 2 Prozent des Bruttoinlandproduktes, umgerechnet von heute 32 auf 50 Milliarden Euro, zu erhöhen. Von Sylvie Goulard wird man deshalb noch viel hören.

 

Stefan Brändle, Paris


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