Mafiosi bereichern sich an Flüchtlingsbetreuung

ITALIEN ⋅ Bei einer Grossrazzia in Kalabrien werden 68 Personen festgenommen. Dabei bestätigt sich ein Verdacht, der schon lange im Raum stand: Die Mafia kassiert Millionen mit der Betreuung von Migranten.
16. Mai 2017, 08:00

Die gemeinnützigen Vereine und Kooperativen, die in Italien im Auftrag des Staates die Flüchtlingszentren führen, tragen meist wohlklingende und unverdächtige Namen. So auch im Fall des Aufnahme- und Asylzentrums im kalabresischen Isola di Capo Rizzuto bei Crotone: Die «Bruderschaft der Barmherzigkeit» hatte sich vor Jahren den Auftrag gesichert, das mit rund 1500 Plätzen zweitgrösste Asylzentrum Italiens zu führen. Die Flüchtlingsbetreuung ist ein Millionengeschäft – allein in Form von EU-Geldern sind zwischen 2006 und 2015 über 100 Millionen Euro in das Zentrum im äussersten Süden Kalabriens geflossen.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von Catanzaro haben nun ergeben, dass sich das Zentrum von Isola di Capo Rizzuto praktisch vollständig in der Hand der kalabresischen ’Ndrangheta befand: Zusammen mit dem Präsidenten der «Bruderschaft der Barmherzigkeit», Leonardo Sacco, sind bei einer Grossrazzia gestern Morgen insgesamt 68 Personen verhaftet worden.

Auch ein Priester wandert hinter Gitter

Die meisten von ihnen gehören direkt dem mächtigen ’Ndrangheta-Clan der Arena-Familie an oder sind mit diesem liiert. Von den über 100 Millionen EU-Geldern sind laut Erkenntnissen der Staatsanwälte rund 36 Millionen Euro unrechtmässig in die Kassen des Clans abgezweigt worden. Leonardo Sacco, die Schlüsselfigur der Affäre, ist laut der Staatsanwaltschaft ein klassischer Strohmann der Mafia: Laut den Ermittlungen hat er als «Präsident der Bruderschaft der Barmherzigkeit» dafür gesorgt, dass die von der Zentrumsleitung an Drittunternehmen vergebenen Aufträge für die Verpflegung, die Wäsche und andere Dienste an die «richtigen» Adressen erfolgten. Meist handelte es sich dabei um eigens für diesen Zweck vom Arena-Clan gegründete Firmen.

Hinter Gitter gewandert ist auch der Priester von Isola di Capo Rizzuto, welcher der Führung des Zentrums eine zusätzliche Aura von Frömmigkeit verliehen hatte – und sich ebenfalls schamlos bereichert haben soll: Don Edoardo Scordio – so heisst der Mann– hat laut der Staatsanwaltschaft unrechtmässig 132 000 Euro für angebliche «spirituelle Dienste» in Rechnung gestellt. Das Geld deponierte der Priester auf einem Schweizer Bankkonto.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft an die bei der gestrigen Razzia verhafteten Personen sind die üblichen in solchen Fällen: Sie lauten auf Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung, Erpressung, illegalen Waffen­besitz, schweren Betrug zu Lasten des Staates und Ähnliches.

Bei der Familie der Arena handelt es sich um einen der gefährlichsten und mächtigsten Clan an der Küste des Ionischen Meeres: In den Provinzen Catanzaro und Crotone befinden sich grosse Teile der lokalen Wirtschaft unter ihrer Kontrolle; wer sich dem Clan widersetzt, muss mit Anschlägen gegen sein Geschäft oder auch gegen Fa­milienmitglieder rechnen. Ihr Strohmann Sacco wiederum ist politisch bestens vernetzt und unter anderem mit Aussenminister Angelino Alfano, einem Sizilianer, befreundet.

Der Verdacht, dass die Mafia ihre Tentakel auch in die lukrative Flüchtlingsbetreuung ausgestreckt hat, steht schon länger im Raum: Wenn in Süditalien irgendwo öffentliche Gelder in grösserem Umfang fliessen, sind die Clans in der Regel nicht weit.

Auch das grösste Flüchtlingszentrum Europas, jenes im sizilianischen Mineo mit 4000 Plätzen, befindet sich im Visier der Ermittler. Dort soll das Römer Verbrecherkartell «Mafia Capitale» mitkassiert haben. Der Hauptstadt-Mafia wird seit einigen Monaten in Rom der Prozess gemacht.

 

Dominik Straub, Rom


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