Muslime im Visier des Terrors

GROSSBRITANNIEN ⋅ Mit einem Lieferwagen hat ein Mann in London zehn Mitglieder einer muslimischen Gemeinde verletzt. Der 48-Jährige war gestern Nacht in eine Menschenmenge in der Nähe eines Gebetshauses gerast. Die Polizei behandelt die Tat als Terrorangriff.
20. Juni 2017, 04:39

Jochen Wittmann, London

Grossbritannien kommt nicht zur Ruhe. Der vierte Terroranschlag in drei Monaten suchte das Land heim. Ein Mann in einem Kleinlaster raste in eine Menschenmenge am Finsbury Park in Nord-London. Ein Toter und zehn Verletzte sind die Folge. Der Anschlag ereignete sich gestern Morgen kurz nach Mitternacht. Noch am Morgen erklärte Premierministerin Theresa May den Anschlag zu einer Terrortat und sagte, dass ihre Gedanken mit den Opfern und ihren Familien seien.

In der Nähe von Finsbury Park gibt es drei Moscheen. Dort hatte man gerade Tarawih beendet – die späten Gebete nach dem täglichen Fastenende im heiligen Monat Ramadan. Deswegen befand sich trotz vorgerückter Stunde eine grosse Menschenmenge von Muslimen auf den Strassen. In der Sackgasse Whadcoat Street bricht ein älterer Mann zusammen, anscheinend ein Herzinfarkt, viele eilen herbei, um zu helfen. Das ist der Moment, in dem der Anschlag passiert.

Menschenmenge hielt Täter fest

Augenzeuge Mohammed Abdullah beschreibt, was geschah. «Er hat es absichtlich getan. Ich war auf meinem Fahrrad drei Wagen hinter dem Kleinlaster, der auf die Busspur fuhr. Dann bog er scharf links ab, in diese Sackgasse, in die man eigentlich gar nicht reinfahren darf. Er raste in die Leute hinein.» Der Laster wird durch Poller gestoppt, der Fahrer springt heraus und wird sofort von aufgebrachten Muslimen gestoppt und zu Boden geworfen. Augenzeuge Khalid Amin berichtet, dass der Fahrer gerufen habe: «Ich will Muslime töten, ich will alle Muslime töten.»

Der erste Alarm bei der Polizei geht um 12.21 Uhr ein, die ersten Beamten sind in weniger als zehn Minuten am Tatort. Der Imam Mohammed Mahmoud konnte in der Zwischenzeit verhindern, dass der Täter von der wütenden Menschenmenge gelyncht wurde. «Rührt ihn nicht an», soll er Männern zugerufen haben, die auf den Täter einzuschlagen begannen. Toufik Kacimi, der Geschäftsführer des nahe gelegenen «Muslim Welfare House», sagte gegenüber dem Nachrichtensender Sky News: «Unser Imam hat dem Mann das Leben gerettet. Der Täter sagte: Ich habe meinen Teil getan.» Die Polizei konnte den Täter, den 47-jährigen Darren Osborne aus der walisischen Hauptstadt Cardiff, noch vor Ort verhaften.

Noch auf dem Pflaster der Whadcoat Street verstirbt der ältere Mann, ob an dem Herzanfall oder dem Zusammenstoss mit dem Kleinlaster, bleibt unklar. Zehn Menschen sind verletzt, acht von ihnen so schwer, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden. Londons Bürgermeister Sadiq Khan, selbst Muslim, ruft nach dem Anschlag, der offensichtlich auf Muslime gerichtet war, nach Ruhe: «Die Attacke auf der Westminster Bridge, auf der London Bridge und die Attacke in Manchester», erinnert er an die jüngsten Anschläge, «es sind alles Attacken auf die von uns allen geteilten Werte von Freiheit, Toleranz und Respekt. Terrorismus ist Terrorismus, ob er nun von Islamismus gespeist wird oder von anderen Formen der ‹Inspiration› ausgeht.»

Der Labour-Chef Jeremy Corbyn, der zugleich Abgeordneter des Wahlkreises ist, in dem der Anschlag passierte, eilte noch in der Nacht an den Tatort, um mit den Leuten zu reden. «Ich bin total schockiert durch den Anschlag heute Nacht», verlautet er auf Twitter. «Ich bin in Kontakt mit den Moscheen, der Polizei und dem Gemeinderat von Islington. Meine Gedanken sind bei den Opfern.» Der Muslim Council of Britain (MCB), ein Dachverband britischer Muslime, verurteilte den Anschlag als die «bis jetzt gewalttätigste Manifestation» von jüngsten islamophobischen Zwischenfällen. Man rief nach mehr Polizeischutz: «Wir erwarten, dass die Behörden die Sicherheit ausserhalb von Moscheen dringend erhöhen.»

Nach dem Terroranschlag vom 3. Juni auf der London Bridge kam es drei Tage später zu 20 islamfeindlichen Übergriffen – sechsmal mehr als die durchschnittlichen 3,5 islamophoben Zwischenfälle pro Tag in London. Die Stimmung im Finsbury Park war gestern gespannt. «Solch ein Anschlag wird die Spaltung in unserer Gesellschaft nur noch erhöhen», sagte eine junge Muslimin, sichtlich aufgewühlt. «Ich erfahre es doch selbst jeden Tag, wenn ich die Blicke von Leuten im Bus sehe.»

Viel Solidarität mit muslimischer Gemeinde

Zugleich kommt es zu vielen Akten der Solidarität. Rabbi Herschel Gluck eilte am Morgen aus dem nahe gelegenen Stamford Hill, einem Zentrum des ultraorthodoxen Judentums in London, herbei. «Wir haben hier sehr gute Beziehungen zwischen den Gemeinden», sagte er. Alice, eine Frau, die seit 27 Jahren im Viertel wohnt, streifte sich ein ­T-Shirt über mit der Aufschrift: «Nicht in meinem Namen». Dann kommt sie mit einem Poster zum Finsbury Park, auf dem steht: «Lasst unsere muslimischen Nachbarn in Ruhe».

Premierministerin May, die gestern Morgen eine Krisensitzung des Notfallkomitees «Cobra» leitete, unterstrich die Botschaft der Solidarität. «Dieser Anschlag», sagte sie in einer Ansprache, «will uns als Gesellschaft spalten. Wir werden dies nicht zulassen. Terrorismus, Extremismus und Hass nehmen viele Formen an. Wir werden vor nichts zurückschrecken, um das zu besiegen.»


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