Prunk und Trauer am «14 Juillet»

FRANKREICH ⋅ In Paris nahmen Emmanuel Macron und Donald Trump die Parade zum Nationalfeiertag ab. Doch die Blicke waren nach Nizza gerichtet: Dort gedachte Frankreich des Lastwagenattentates vor einem Jahr.
15. Juli 2017, 08:50

Stefan Brändle, Paris

86 Kerzen bildeten den Kern der Trauerfeiern, die gestern in Nizza abgehalten wurden. So viele Todesopfer hatte vor genau einem Jahr die Amokfahrt eines 31-jährigen Tunesiers auf der «Promenade des Anglais» entlang des Stadtstrandes gefordert. Zehntausende waren dabei, den Ort nach dem grossen Feuerwerk zum Nationalfeiertag zu verlassen, als der 19 Tonnen schwere Lastwagen in die Menge raste.

«Die Wunde ist noch weit offen», meinte Emilie Petit­jean, die bei dem Anschlag ihren neunjährigen Sohn Romain verloren hat und nun den Opfer­verein «Promenade des Anges» (Promenade der Engel) leitet. Die 340 000 Einwohner von Nizza haben sich bis heute nicht von dem Trauma erholt. Die schillernde Metropole der Côte d’Azur «verlor am 14. Juli 2016 proportional mehr Einwohner als New York am 11. September 2001», versucht das Newsportal Atlan­tico das Leid der mediterranen Metro­-pole an der Côte d’Azur zu beschreiben.

Die Illustrierte «Paris-Match» versuchte es ihrerseits mit Bildern – furchtbaren, unhaltbaren Fotos von Leichenteilen und überrollten Menschen, erstellt an jenem Abend von Überwachungskameras, die bisher unter Verschluss gehalten wurden. Bürgermeister Christian Estrosi verlangte am Donnerstag ein sofortiges Verbot der Publikation dieser Horrorbilder. Die Justiz lehnte das Gesuch Stunden später knapp ab.

Neun Personen sitzen noch in Untersuchungshaft

Die Zeitungshändler in Nizza weigern sich trotzdem, «Paris-Match» zu verkaufen. Zu frisch ist die Erinnerung auch nach einem Jahr noch, zu schmerzhaft die Wunde, die der Anschlag in die glamouröse, lebensfreudige Stadt gerissen hatte. Bis heute dauert die Polemik an, ob die städtischen oder eher die nationalen Polizeibehörden den Zugang zur Promenade zu fahrlässig gesperrt hatten. Bis heute ist die Frage unbeantwortet, ob der Attentäter im Auftrag der Bekennerin IS handelte und ob er Komplizen hatte – neun Personen sitzen aus teilweise ungeklärten Motiven weiterhin in Haft.

Und bis heute fragen sich die Bewohner von Nizza, ob es richtig war, zum ersten Jahrestag auf ein neues Feuerwerk zu verzichten. Gibt man damit den Terroristen nicht indirekt nach?, wurde in den Leserspalten gefragt. Sollte man nicht «jetzt erst recht»?

Nein, zu dieser Trotzreaktion war Nizza noch nicht bereit. Aber zeigen wollte die Stadt doch, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Zu dem so besonderen Nationalfeiertag haben sich die Opfer­angehörigen am Freitag zuerst zu einem interreligiösen Gottesdienst getroffen. Wehrhaft organisiert die Stadt sodann eine eigene «Truppenparade» aus Polizei, Feuerwehr und Ambulanzdiensten. Bei einer symbolischen Publikumsaktion wurde eine riesige Strasseninschrift nach der französischen Devise «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» gebildet. Später waren klassische Konzerte geplant.

Macron würdigt USA als «sicheren Verbündeten»

Auch Macron wurde am Abend in Nizza erwartet. Am Morgen hatte er in Paris neben seinem Ehrengast Donald Trump die Militärparade des «Quatorze Juillet» abgenommen. Unter den 3700 Soldatinnen und Soldaten waren 145 Amerikaner in Uniformen des Ersten Weltkriegs – eine Hommage an den Kriegseintritt der USA vor hundert Jahren. Macron würdigte die USA als «sichere Verbündete» einer «unvergänglichen Freundschaft», um auszurufen: «Nichts wird uns jemals trennen!» Das klang fast beschwörend, nachdem Macron am Tag zuvor selber die «Uneinigkeit» in der Klimapolitik festgestellt hatte.

Am Vorabend hatten in Paris nur einige Dutzend Trump-Gegner gegen die Einladung an den US-Präsidenten protestiert – bedeutend weniger als letzthin in London oder Hamburg. Selbst die linke Zeitung «Libération» begrüsste Macrons «Versuch, Trump von seinem isolationistischen Kurs abzubringen».

Keinerlei Wellen warf in Paris die Bemerkung Donald Trumps an die 64-jährige französische Präsidentengattin Brigitte Macron, sie sei «im Schuss» («in good shape»). Das durch eine Handbewegung abgerundete Kom­pliment wurde in amerikanischen und deutschen Medien als «sexistisch» bezeichnet. In Frankreich ging es völlig unter – sei es, weil die Staatsräson Trump zum Nationalfeiertag verschonte, sei es, weil die Pariser Galanterie auch nicht immer lupenrein ist oder weil die Franzosen solche Dinge einfach etwas lockerer sehen.


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