Putin gibt sich als Wohltäter

FERNSEHSHOW ⋅ In seiner letzten nationalen TV-Audienz vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden März gibt sich Wladimir Putin sehr unpolitisch.
16. Juni 2017, 07:18

Stefan Scholl, Moskau

Der Staatschef zeigte wiederholt seinen Biss: «Ich hoffe, mein Namensvetter hört zu», gemeint war Wladimir Wladimirowitsch Wladimirow, der Gouverneur der Region Stawropol. Putin antwortete damit live auf die Live-Beschwerde der bildhübschen Valentina Warsowskaja. Ihr Haus im Dorf Krasnokumskoje war bei einer Überschwemmung vor wenigen Wochen stark beschädigt worden. Aber statt die ihrer Familie zustehende staatliche Kompensation von umgerechnet knapp 800 Euro auszuzahlen, verlangten die örtlichen Behörden über 100 Euro für amtliche Schadensbescheinigungen.

Das sei ein Unding, schimpfte Putin und bat die Staatsanwaltschaft, sich einzuschalten. «Und ich hoffe, der Gouverneur taucht noch heute bei Ihnen auf», jetzt klang seine Stimme schneidend. Im Internet tauchten prompt Gerüchte vom Rücktritt Wladimir Wladimorows auf.

Fragesendung dauerte vier Stunden

Gestern veranstaltete Wladimir Putin seine alljährliche «direkte Linie», seine alljährliche TV-Audienz. Drei russische Staatsfernsehkanäle sendeten vier Stunden live, wie Putin auf insgesamt 70 Videofragen, SMS, E-Mails und Live-Beschwerden von Bürgern aus ganz Russland antwortete. Putins letzte «direkte Linie» vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden März. Er präsentierte sich diesmal vor allem als nationaler Wohltäter.

Die Show, die gewöhnlich Mitte April stattfindet, wurde dieses Jahr verschoben, Politologen mutmassten damals, der Kreml wolle nach den landesweiten Antikorruptionskundgebungen Ende März kritischen Fragen zu dem Thema aus dem Weg gehen. Jetzt aber stellte sich Putin der Öffentlichkeit unmittelbar nach neuen landesweiten Protesten und Massenverhaftungen.

Die Fragen, auf die er antworten musste, klangen jedoch in ihrer Mehrzahl wie Bitten. Da beklagte sich die ebenfalls bildhübsche Aljona, Junglehrerin aus der Region Irkutsk, sie verdiene keine 12500 Rubel, knapp 200 Euro. Putin stellte ihr und anderen öffentlichen Beschäftigten eine Gehaltserhöhung auf etwa 30000 Rubel in Aussicht. «Wir werden Ihren persönlichen Fall klären.»

Auch den Einwohnern der Moskauer Vorstadt Balaschicha, die sich über eine gigantische Müllkippe 200 Meter von ihren Wohnhäusern entfernt beschwerten, versprach er schnelle Hilfe. Man habe beschlossen, vier moderne Müllaufbereitungsanlagen mit japanischer Technik zu bauen, drei davon im Moskauer Umland. Der Bewohnerin einer baufälligen Baracke im Gebiet Ischewsk versprach er gar, sie persönlich aufzusuchen, um das Problem zu lösen.

Putin macht persönliche Versprechen

Ein junges Mädchen namens Darja aus der Stadt Appatit bei Murmansk klagte über Krebs im vierten Stadium. Die Ärzte aber hätten ihn zuerst als Bandscheibenschaden behandelt. Putin antwortete, sein eigener Vater habe die gleiche Krankheit gehabt, die zunächst als Rückenschmerzen kuriert worden seien, trotzdem habe man den Vater später retten können. Obwohl Krebs im vierten Stadium eigentlich nur noch in Ausnahmefällen zu heilen ist. «Darum verliert die Hoffnung nicht, ich persönlich werde versuchen, dir zu helfen.» Darja begann zu weinen.

Putin setzte stark auf Harmonie. Diesmal kamen keine liberalen Studiengäste mit kritischen Argumenten zu Wort. Eine eher unpolitische Audienz, die Frage nach der Korruption, deren Metastasen den ganzen Staat zerfrässen, tauchte immerhin als Leuchtschrift auf der Studiowand auf. Eine der kritischsten Fragen stellte ein Anrufer aus Kiew, der sich beschwerte, Russland lasse seine Freunde in der Ukraine im Stich. Putin versicherte, das sei keineswegs der Fall, aber man wolle sich unbedingt aus den inneren Angelegenheiten des Nachbarlandes heraushalten.

«Die Tagesordnung wendet sich der Innenpolitik zu», resümierte die Internetzeitung «Gazeta.ru». Aber die Parole dieser TV-Audienz hatte ein Moderator des russischen Fernsehens schon vor dem Beginn ausgegeben: «Der Staat funktioniert nicht. Aber wir haben einen Präsidenten. Und der arbeitet gut.» Putin wich der Frage aus, ob er noch einmal russischer Präsident werden wolle. Politologe Aleksei Muchin aber glaubt, der Staatschef habe sich schon vor Wochen vor der «Direkten Linie» entschieden: «Meiner Ansicht nach ist sein Wahlkampf voll im Gange.»


Leserkommentare

Anzeige: