Kommentar

Fall Assange: Selbstgerecht und höhnisch

Sebastian Borger über Julian Assange.
20. Mai 2017, 05:02

Im Fall des Julian Assange gibt es nur Verlierer. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft in Stockholm, das Ermittlungsverfahren gegen den Wikileaks-Gründer einzustellen, ändert daran wenig. Von Anfang an waren die Aussagen der beiden Frauen, die im Sommer 2010 sexuellen Kontakt mit dem Australier hatten, nicht eindeutig. Der Beschuldigte hat stets beteuert, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Entweder haben die Frauen Assange fälschlich strafbare Handlungen unterstellt, oder sie waren tatsächlich Opfer von Straftaten, die gerichtlicher Untersuchung bedurft hätten. Diese Aufklärung bleibt nun aus. Dem Ruf der beiden Frauen ist damit nicht gedient.

Das gilt auch für die Staatsanwältinnen und für die schwedische Regierung. Eine eindeutige Stellungnahme hätte alle Zweifel ausgeräumt: Wir verfolgen Straftaten gegen unsere Bürger, lassen uns aber nicht von den USA für eine Machtdemonstration gegen einen ungeliebten Kritiker einspannen. Dass die Klärung unterblieb, gab Assange den Vorwand, sich dem Verfahren zu entziehen.

Wohlgemerkt: ein Vorwand. Selbstgerecht und wichtigtuerisch hat sich der angebliche Vorkämpfer für die Datenfreiheit über die rechtsstaatlichen Verfahren in Schweden und Grossbritannien hinweggesetzt. Er hat zwei der ältesten Demokratien der Welt verhöhnt. Den fünfjährigen Hausarrest verdankt er niemand anderem als sich selbst. Jedes Gejammere darüber stellt eine Beleidigung von Chelsea Manning dar. Dass die ehemalige US-Soldatin wegen Geheimnisverrats via Wikileaks sieben Jahre hinter echten Gittern verbringen musste, geht auch auf Assanges Verantwortungslosigkeit zurück.

Sebastian Borger, London

nachrichten@luzernerzeitung.ch


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