Anbau von Koka nimmt zu

KOLUMBIEN ⋅ Trotz staatlicher Förderprogramme gegen Drogenproduktion und -handel nimmt der Anbau von Koka zu. Das Kokain könnte den Friedensprozess torpedieren – und Friedensnobelpreisträger Carlos Santos bei der Wahl im kommenden Jahr gefährlich werden.
20. Mai 2017, 08:37

Sandra Weiss, Puebla

Sie sind herrlich grün, die Hügel im Südwesten Kolumbiens – und gerade das ist das Problem. Denn an den grünen Sträuchern wächst das Kokablatt, der Grundstoff für Kokain. Kolumbien ist in den vergangenen Jahren erneut zum weltweit grössten Lieferanten der Droge aufgestiegen. Produzierte das Land 2008 noch 300 Tonnen des weissen Pulvers, waren es 2016 knapp 700, so die Schätzungen der US-Antidrogenbehörde. Die Anbaufläche verdoppelte sich seit 2013 auf 188000 Hektaren. Das ist auch den Beratern von US-Präsident Donald Trump ein Dorn im Auge. Zu gern würden sie den Krieg gegen die Drogen aus den 70er-Jahren wieder aufleben lassen. Das bringt Kolumbiens Präsident Carlos Santos, der für die Umsetzung des Friedensvertrags Rückhalt aus den USA benötigt, in die Bredouille.

Die Zunahme der Anzahl Kokafelder hat mehrere Gründe. Zum einen der gestiegene Preis für die Droge, während der für Kaffee, Kakao oder Gold gefallen ist – traditionell alternative Einnahmequellen der Bauern. Zum anderen ist da ein Nebeneffekt des 2016 geschlossenen Friedensabkommens mit der linken Guerilla Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc), mit der sich der Staat ein halbes Jahrhundert lang einen blutigen Bürgerkrieg geliefert hat. Treibstoff für den Konflikt war auch der Drogenhandel, mit dem sich die Farc ebenso finanzierten wie ihre Gegner, die von Unternehmern und Grossgrundbesitzern gegründeten rechten Todesschwadronen.

Die Bauern, die bisher dank des Kokablatts selbst in den abgelegensten Regionen überleben konnten, sollen nun laut dem Abkommen ihre Sträucher ausreissen und dann andere «cash crops» wie Kakao, Ananas und Bananen vermarkten. Dafür bekommen sie staatliche Hilfe von umgerechnet 4000 Euro innerhalb eines Jahres sowie zusätzliches Geld für Infrastruktur und Projekte wie Fischteiche und Hühnerzucht. Die Abkommen werden nicht mit einzelnen Bauern, sondern mit Gemeinden geschlossen. Wo es keine Einigung gibt, fliesst kein Geld – und das Militär rückt ein, um den Sträuchern den Garaus zu machen. Bis Ende Jahr will Santos in 40 Pilotgemeinden 50000 Hektaren ersetzt haben. Rund 84000 Familien, die 67000 Hektaren Koka anbauen, haben bereits eingewilligt. Doch viele zieren sich.

Zum einen ist das Misstrauen gross in einem Staat, der besonders im Südwesten und in der Pazifikregion bisher durch Abwesenheit geglänzt hat. Zum anderen geraten die Bauern unter den Druck krimineller Banden, die nach dem Abzug der Farc gern deren lukrative Geschäfte übernehmen wollen.

Viele sehen Friedensprozess auf schlechtem Weg

Die Regierung schickt oft schon Militär, bevor ein Abkommen unterzeichnet würde – und torpediert sich damit selbst. «Die Anbauflächen und damit den Drogenhandel zu reduzieren, ist für den Frieden unabdingbar», begründet das der Friedensbeauftragte der Regierung, Rafael Prado. Die Drogen sind nicht der einzige Stolperstein auf dem Weg zum Frieden. Bisher seien nur 12 Prozent des Abkommens umgesetzt, so das Friedensobservatorium. Der Staat hat grosse In­vestitionen in die abgelegenen Landesteile versprochen. Doch gerade dort schafft er es trotz erhöhter Militärpräsenz nicht, für Sicherheit zu sorgen. In der Region Chocó liefern Banden sich seit Monaten blutige Kriege um strategische Wasserstrassen, Kokafelder und Goldvorkommen und vertreiben dabei die Zivilbevölkerung – wie es während des Bürgerkriegs gang und gäbe war.

Die Waffenabgabe der Farc und die Demobilisierung der Kämpfer laufen nur zögerlich, während die Farc-Anführer das ganze Land bereisen und den Triumph ihres kommunistischen Kampfes verkünden. Das stösst vielen Kolumbianern bitter auf. Aber auch der liberale Santos kommt nur auf knapp 30 Prozent Zustimmung. Die Friedenslösung unterstützen laut einer Gallup-Umfrage zwar 64 Prozent, aber 57 Prozent glauben, der Friedensprozess sei auf einem schlechten Weg. Das mag auch daran liegen, dass der Frieden finanziert wird durch Steuererhöhungen, die umso saftiger ausfielen, als der Staat durch den sinkenden Erdölpreis Einbussen erleidet. Die heimische Wirtschaft wächst weniger als 2 Prozent pro Jahr. Viele Firmen halten Investitionen wegen der politischen Unsicherheit zurück. 2018 sind Wahlen, und einer der Favoriten ist Santos’ Vorgänger Alvaro Uribe, ein harscher Kritiker des Friedensabkommens.


Leserkommentare

Anzeige: