Kopf des Tages

Vom Unberührbaren zum Präsidenten

INDIEN ⋅ Die Wahl von Ram Nath Kovind zum Präsidenten steht praktisch schon fest. Damit wäre sein Aufstieg von ganz unten perfekt – bis auf einige Wermutstropfen.
18. Juli 2017, 07:26

Am Wahlsieg des 71-jährigen Ram Nath Kovind bestehen angesichts der Mehrheitsverhältnisse im indischen Parlament in Delhi wenig Zweifel. Doch der gelernte Rechtsanwalt, der seine Kenntnisse seit Jahrzehnten in den Dienst der regierenden Hindunationalisten stellte, wollte lieber nichts dem Zufall überlassen. Am liebsten sprach der Dalit, wie einst die Unberührbaren in Indien hiessen, hinter verschlossenen Türen vor ausgesuchten Gremien. Öffentlich liess er sich nur zu einem markanten Satz bewegen: «Alle sollten so hart arbeiten wie ich, um Erfolg zu haben.»

Freilich half dem Dalit aus einem Fischerdorf am Ganges nahe der Stadt Kanpur auch die massive Hilfestellung «der indischen Form von Faschismus», wie der angesehene Indien-Experte Christophe Jaffrelot das «Reichsfreiwilligenkorps» (RSS) mit seinen 40 000 Ortsvereinen beschreibt, dem der zukünftige Präsident schon in jungen Jahren beitrat. Die Gruppe mit ihren zahllosen Verbindungen ebnete ihm nicht nur den Weg. Die RSS-Unterstützung gab neben der Dalit-Herkunft den Ausschlag für Kovinds Nominierung durch Indiens hindunationalistischen Premierminister Narendra Modi.

Nath-Kovind-Biografien schweigen sich weitgehend über diese dunkle Seite seines erfolgreichen Lebens aus. Bevor er zuletzt als Gouverneur in Bihar amtierte, brachte der gedrungene Mann mit einer Vorliebe für weisse Nehru-Anzüge mit Stehkragen es sogar zum Sprecher der von Brahmanen, der obersten Hindukaste, dominierten Bharatiya Janata Party (BJP). Damals, vor sieben Jahren, liess das zukünftige Oberhaupt des indischen Vielvölkerstaats durchblicken, wes Geistes Kind das zukünftige Oberhaupt des 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Vielvölkerstaats ist. «Christentum und Islam sind fremdartig für Indien», verkündete er. Nath Kovind ist stolz auf seine Lebensleistung, daran lässt er keinen Zweifel. Vor ihm schaffte einen derartigen Aufstieg nur der Dalit Kocheril Raman Narayanan, welcher um die Jahrtausendwende als Staatsoberhaupt amtierte. Er wurde von einer breiten Allianz regionaler Parteien ins Amt gehievt, die damals Indiens nationale Parteien abzulösen schienen.

Jetzt will Nath Kovind dem hindunationalistischen Plan helfen, die etwa 200 Millionen Dalits an die BJP zu binden – eine Partei, deren Mitglieder sich teilweise noch immer weigern, bei einer Mahlzeit einen Tisch mit Dalits zu teilen. Aber selbst Mayawati, bislang eine unbestrittene Führerin der Dalit-Bewegung, zollt ihm Tribut. «Wichtig ist für uns, dass er ein Dalit ist», erklärte sie.

So wohltönend der Titel des Staatspräsidenten klingt, so wenig hat er zu entscheiden. Das Oberhaupt begutachtet etwa Gnadengesuche von zum Tode Verurteilten. Vor allem aber liegt es am Präsidenten, wen er bei unklarer Mehrheitslage mit der Regierungsbildung beauftragt. Für diesen Fall hob Modi ihn ins Amt – und der hindunationalistische Zögling wird nichts unternehmen, was den Gesinnungs­genossen schaden könnte.

 

Willi Germund, Bangkok


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