Warum Marine Le Pen auf der Zielgeraden versagte

FRANKREICH ⋅ Im französischen Präsidentschaftswahlkampf machte die Nationalistin Marine Le Pen ganz Europa Angst. Zum Schluss scheiterte sie kläglich. Die Gründe dafür werden erst jetzt bekannt.
18. Juli 2017, 07:32

Le Pen, das war nach dem Brexit und der Trump-Wahl sozusagen der dritte populistische Schock, welcher der EU den Rest geben sollte. Die Geschichte entschied aber anders: Gewählt wurde am 7. Mai in Paris der proeuropäische Mittepolitiker Emmanuel Macron mit 66,1 Prozent der Stimmen klar vor der Nationalistin Marine Le Pen (33,9 Prozent). Der Wahlausgang war keine Überraschung mehr. Denn vier Tag zuvor hatte die Präsidentin des Front National im letzten entscheidenden TV-Duell auf der ganzen Linie versagt. Statt mit ihrem aggressiven Auftritt zu punkten, entblösste sie ihre eigenen Schwächen; wie ein blutiger Amateur verwechselte sie die Dossiers vor ihr auf dem Tisch.

Als Erklärung für die blinde Angriffswut Le Pens hiess es vielerorts, die Französin habe wohl Donald Trump imitieren wollen, der die Demokratin Hillary Clinton ohne Rücksicht auf Argumente unter Dauerbeschuss genommen hatte. «Le Monde» weiss es nun besser und präziser: Le Pen litt unter einer Augenmigräne, die sie fast um die Vernunft brachte. «Bruno! Ich sehe nichts mehr auf meinem linken Auge!», habe sie um die Mittagszeit jenes Schicksalstages ihren Berater Bruno Bilde verzweifelt angeschrien. Ein Telefonanruf bei einem ­Augenarzt ergab eine Diagnose, aber keine Linderung. Ohnehin erschöpft von einer aufreibenden Wahlkampagne, hatte Le Pen in der Vornacht nur «dreiviertel Stunden» geschlafen, wie «Le Monde Magazine» schreibt.

Berater wollten Auftritt stornieren

Ob somatisch oder nicht, verhinderte die Migräne auf jeden Fall die Vorbereitung auf das Streitgespräch. Le Pens Chefberater, Florian Philippot, versuchte mit ihr nochmals die zentrale Frage des Euro-Ausstieges durchzu­gehen – vergeblich. Andere Berater wollten in Panik den TV-Termin stornieren, als sie Le Pens miserable Verfassung sahen – doch die FN-Präsidentin hielt an dem Auftritt fest.

In der Sendung ging sie wie der Stier in der Arena sofort in den Angriff. Um ihre Schwäche zu kaschieren? Macron war es jedenfalls ein Leichtes, ihre Wissenslücken und Sachfehler in wichtigen Wirtschaftsdossiers blosszulegen. Nach dieser Sendung war klar, dass Le Pen nicht Präsidentin Frankreichs werden würde. Und nicht nur das: Wahrscheinlich schmälerte sie damit auch zukünftige Chancen und Aussichten – zum Beispiel bei der Wahl 2022, falls Macron zuvor flach herauskommen sollte.

Die Wahl 2017 hat ihren zuvor unaufhaltsam scheinenden Aufstieg jedenfalls gebremst. Le Pen erzielte zwar ein Rekordergebnis von 10,6 Millionen Stimmen. Doch bei 35 Millionen Abstimmenden zeigte sich in aller Klarheit, dass ein FN-Kandidat ohne Wahlallianz wohl nie mehrheitsfähig sein kann. Le Pens Debakel ist auch deshalb total, weil sie sich im TV-Duell sogar mit ihrem zentralen Anliegen des Euro-Ausstiegs verhedderte. Die Augen­migräne war nicht allein schuld. Le Pen musste nach der Wahl einräumen, das Thema sei offenbar «angsterregend» (anxiogène), da sich viele Franzosen vor den konjunkturellen Folgen eines «Frexit» fürchteten. Die FN-Chefin hat wohl gar nicht unrecht mit ihrer Behauptung, Frankreich sei im Grunde nach wie vor EU-skeptisch. Ihr verpatztes Kampagnenende trug aber selber dazu bei, dass Macrons Wahl heute als eigentliches Plebiszit Frankreichs für die EU gilt.

Le Pen muss Machtwort sprechen

Sündenbock in der Partei ist der FN-Vize Philippot. Der ehemals linksrepublikanische Quereinsteiger hatte Le Pens politische «Banalisierung» inszeniert und steht bis heute voll zum Euro-Ausstieg. Letzterer kommt aber intern immer mehr unter Beschuss. Bei einem zweitägigen Partei­seminar wird Philippot an diesem Wochenende seinen Anti-Euro-Kurs verteidigen müssen. Er hat bereits klargemacht, dass er die Partei verlassen würde, wenn sie den Euro-Austritt aus dem Programm striche; für alle Fälle hat er bereits eine Bewegung namens «les patriotes» gegründet.

Philippots Hauptfeind ist Jean-Marie Le Pen, der Vater von Marine, der im Hintergrund immer noch aktiv ist. Inhaltlich hat er allerdings auch keine Alternative anzubieten. Die Parteichefin müsste deshalb in der zentralen Frage des Euro-Austritts ein Machtwort sprechen. Doch sie zaudert selbst. Trotz seines Rekordergebnisses im Mai scheint der Front National heute orientierungslos. Die – auch laut Le Pen – «verunglückte» TV-Debatte hat die fachlichen, persön­lichen und politischen Grenzen der Partei schonungslos aufgezeigt. Und das weit über die Wahlen 2017 hinaus.

 

Stefan Brändle, Paris


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