«Wunden für eine ganze Generation»

KATAR ⋅ Im Streit zwischen Katar und seinen arabischen Nachbarn geht es nicht nur um wirtschaftliche Macht, sondern auch um Missgunst und Niedertracht der beiden Regenten. Katar kann aber auf einige Verbündete setzen.
17. Juni 2017, 04:39

Michael Wrase, Doha

Abed Haschem ist wieder «zu Hause». Sieben Monate lang hatte der aus dem Sudan stammende Soldat der katarischen Armee in der südsaudischen Provinz Nadschran die Grenze zum Jemen bewacht. «Wir halfen ihnen bei der Landesverteidigung. Und das ist jetzt der Dank», schimpft Abed, dessen Einheit seit Dienstag wieder in Katar stationiert ist – ausgewiesen von einer Regierung, die seinen Nachbarn unterstellt, «den internationalen Terrorismus» zu unterstützen.

Wir trafen Abed in Souk Wakif von Doha, wo er mit seinem Vater Abdelhamid eine Wasserpfeife rauchte. Die beiden wirken entspannt. Auch nachdem wir sie auf die saudische Blockade ansprachen, versuchen sie die Fassung zu bewahren. «Was Riad uns angetan hat, ist unverzeihlich. So etwas tut man nicht», betont Abdelhamid, ohne laut zu werden. Man könne nicht «2,8 Millionen Menschen einfach als Geiseln nehmen».

Familien auseinandergerissen

Der Vergleich wirkt übertrieben, fast etwas absurd, wenn man die Lebensmittelabteilung des «Lulu»-Hypermarkts von Doha besucht. Das Warenangebot in der eisgekühlten Halle ist erschlagend. Die Kunden können zwischen Äpfeln aus dem Libanon, Südtirol und Südafrika wählen. Noch grösser ist die Auswahl bei Orangen, Zwiebeln und Mangos. Milch, Ayran und Kefir aus der Türkei werden anstelle saudischer Molkereiprodukte verkauft. Hammelkeulen kommen aus dem Iran. Prall gefüllt ist auch das Sushi-Regal.

Es fehlt an nichts. Das weiss auch Abdelhamid. «Natürlich können uns die Saudis nicht aushungern», betont er verärgert. Was die Katarer wütend mache, sei die Arroganz der Nachbarn, ihr «hinterhältiger Versuch, mit einer anhaltenden Blockade ein kleineres Land zu unterwerfen, zur Kapitulation zu zwingen».

«Vergessen Sie nicht die vielen Familien am Golf, die durch die saudische Blockadepolitik auseinandergerissen worden sind? Kinder, die Vater oder Mutter nicht mehr sehen können, nur weil sie Katarer sind?», erinnert Akbar al-Baker, der Generaldirektor von Qatar Airways, in einem Gespräch Al Jazeera: «All diese Wunden wurden für eine ganze Generation geschlagen und werden niemals vergessen.» Die Härte der Argumentation überrascht. Um den ausufernden «Brüder-Streit» am Persischen Golf zu begreifen, reicht es nicht aus, sich auf die Terrorismusvorwürfe zu beschränken. «Islamische Extremisten finanzieren in dieser Region fast alle. Auch die Saudis», stellt ein westlicher Diplomat in Doha klar.

In Wirklichkeit gehe es um geostrategische Interessen, wirtschaftliche Macht und damit auch um «Missgunst und Niedertracht sowie um den Narzissmus von Führerpersönlichkeiten mit unterschiedlichen Begabungen».Gemeint sind Scheich Tamin bin Hamed Al Thani, der Emir von Katar, und Mohammed bin Salman, der jüngste Sohn des saudischen Königs und Verteidigungsminister des Landes. Beide sind Mitte 30 und damit eigentlich zu jung für Führungspositionen. Allerdings hat auch in der Golfregion inzwischen ein Generationenwechsel stattgefunden.

Für den machtbesessenen Saudi sei es «unerträglich», dass ein fast gleichaltriger Fürst seine eigenen Wege gehe und damit sowohl politischen als auch wirtschaftlichen Erfolg habe, versucht Hassan Abdelghani, ein Redaktor der «Qatar Tribune», die Rivalitäten zwischen den beiden Herrschern zu erklären. Im Gegensatz zu dem saudischen Königssohn habe der an englischen Eliteinternaten und Militärakademien ausgebildete Emir viele seiner Visionen schon verwirklicht, preist der katarische Journalist seinen Scheich.

Dem Saudi werden dagegen nicht nur von katarischer Seite «Minderwertigkeitskomplexe» sowie eine «gefährliche Iranophobie» angelastet, welche die Krise in der ­Region noch verschärfe. «Sie können ein Land mit einer 5000 Jahre alten Geschichte nicht ausgrenzen», verteidigt ein wissenschaftlicher Mitarbeiter im Islamischen Museum von Doha die guten Kontakte des katarischen Emirs in den Iran, dessen Luftraum für die nationale Fluggesellschaft Qatar Airways inzwischen überlebenswichtig ist. «Als kleines Land können wir uns Feinde gar nicht leisten.»

Dass das grosse Saudi-Arabien Katar nun unter Quarantäne zu stellen versuche, sei dramatisch, werde den Kleinstaat am Golf aber nicht umwerfen. «Dazu ist das Land viel zu gut vernetzt», sind sich Wirtschaftsexperten in Doha einig. Das Land habe mächtige Verbündete. «Durch die von Riad ausgelöste Krise entstanden neue Allianzen», analysiert der libanesische Publizistikprofessor Rami Khouri.

Europäer bleiben neutral

Nicht nur die Türkei und der Iran, zwei regionale Supermächte, hätten sich an die Seite Katars gestellt. Auch Kuwait und der Oman sowie Marokko seien auf Distanz zur «saudischen Allianz» gegangen. Noch wichtiger sei die Entschlossenheit der Europäer, sich in der Krise um Katar und Saudi Arabien neutral zu verhalten und auf eine Vermittlungslösung hinzuarbeiten.

Als potenter Verbündeter bleibe den Saudis eigentlich nur US-Präsident Donald Trump, der angesichts der Probleme zu Hause die Katar-Krise schon vergessen habe, witzelt man in Doha. In der katarischen Hauptstadt glaubt man seit gestern, «das Schlimmste hinter sich gebracht zu haben». Grund für den Optimismus ist der angebliche Kauf von 35 F-15-Kampfflugzeugen im Wert von 12 Milliarden Dollar.

Tatsächlich handelt es sich – wie bei dem 110-Milliarden-­Waffendeal der Saudis mit den USA – um eine Kaufabsichtserklärung. Ob sie ausreicht, um die Wogen in der Region zu glätten, ist höchst fraglich.


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