Flüchtlingsnot im medialen Windschatten

UGANDA ⋅ Rund eine Million Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Südsudan haben Aufnahme im Nachbarland Uganda gefunden. Täglich kommen zwischen 2000 und 3000 dazu. Doch von Afrikas grösster Massenflucht liest und hört man in Europa kaum etwas.
18. Juni 2017, 08:26

Walter Brehm

Wer kennt schon Bidi Bidi im Nordwesten des ostafrikanischen Landes Uganda. Weit über 900000 Flüchtlinge aus Südsudan haben in Uganda Zuflucht gefunden, die Mehrheit in Bidi Bidi. Es ist mit über 250000 Bewohnern heute das grösste Flüchtlingslager der Welt. «Der Zustrom der Menschen nimmt nicht ab», sagt Jean-Luc Anglade, Koordinator der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Uganda. Über 85 Prozent der Tag für Tag neu ankommenden Flüchtlingen sind Frauen und Kinder. Das gilt auch für die im Westen ebenso unbekannten Orte Palorinya, Rhino und Imvepi – weitere ugandische Flüchtlingslager, in denen MSF mit medizinischer Versorgung und Geburtenhilfe, mit Ernährungs- und Wasserprogrammen versucht Elend zu lindern. «Eine grosse Herausforderung», sagt Casey O’Conner, Projektleiter in Palorinya.

MFS säubert in dem Lager täglich zwei Millionen Liter Wasser aus dem Nil und kann damit etwa 100000 Menschen versorgen. Allein im April waren es für alle von MSF betreuten Lager 52,5 Millionen Liter. Das Wasser muss aber in Tanks in die Flüchtlingslager gebracht und dort verteilt werden, die bis zu 250 Quadratkilometer gross sind.

Hilfe bisher nur zu 14 Prozent finanziert

Seit der bereits 2013 ethnisch geschürte Machtkampf in Südsudan zwischen Präsident Salvan Kiir und dem ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar 2016 erneut aufgebrochen ist, sprechen Experten von ethnischen Säuberungen und sogar von Völkermord. Der Hass hat bereits auch die Flüchtlingslager erreicht, wo die beiden grössten südsudanesischen Volksgruppen, die Dinka und die Nuer, inzwischen getrennt untergebracht werden müssen. Dennoch hält Uganda noch immer an der Politik der «offenen Türe» fest. Doch die Behörden und die Hilfswerke schaffen es kaum noch, die täglich wachsende Zahl der Neuankömmlinge zu versorgen. Laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und dem Welternährungsprogramm (WFP) ist die notwendige Hilfe in Uganda bisher nur zu 14 Prozent finanziert. Bis Ende des Jahres werden etwa 1,4 Milliarden US-Dollar benötigt, um die über zwei Millionen zählenden südsudanesischen Flüchtlinge in Uganda, Sudan, Äthiopien, Kongo und Kenia versorgen zu können. Derweil verschlechtert sich die Lage in Südsudan weiter – eine Kombination aus Gewalt, anhaltender Dürre und Hungersnot.

«Es ist unsere humanitäre Pflicht»

Filippo Grandi, UNO-Flüchtlingskommissar, hat in Genf bereits Mitte Mai erklärt: «Uganda und die anderen Nachbarländer Südsudans haben alles getan, was man erwarten kann. Aber sie werden diese Grosszügigkeit nur aufrechterhalten können, wenn der Rest der Welt bereit ist, die Unterstützung massiv zu verstärken.» Flüchtlingen zu helfen, bedeutet aber nicht nur Soforthilfe. Es bedeutet auch, Regierungen und Gemeinschaften in den Aufnahmeländern zu unterstützen und vor allem auch die lokale Wirtschaft zu stärken. Uganda sollte am Gipfel der G20-Staaten in Hamburg zum Thema werden. An der Berliner Vorbereitungskonferenz diese Woche war dies nicht der Fall, als über die Schaffung von Arbeitsplätzen debattiert wurde, die nötig seien, um Flucht und Armutsmigration zu bekämpfen. Zwar hat die EU-Kommission 2017 bereits 11 Millionen Euro in Bidi Bidi investiert. Doch die Aufnahmeländer sind selber auch von Krisen bedroht. Allein in Uganda sind 80 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Da müsste es europäischen Politikern in den Ohren klingeln, wenn Ugandas Premier Ruhakana Rugunda erklärt: «Wir heissen unsere notleidenden Nachbarn weiter willkommen. Es ist und bleibt unsere humanitäre Pflicht, sie aufzunehmen.»
 

Afrikas Wachstum kommt zum Erliegen

Wirtschaft. Wie eine offene Wunde klafft das riesige Loch in der Steppe von Botswana, aufgerissen von Baggern so gross wie ein mehrstöckiges Haus. Fast 400 Meter tief ist die im Tagebau betriebene Diamantmine von Jwaneng. Über zehn Millionen Karat werden hier jedes Jahr aus dem rotbraunen Boden der Kalahari gekratzt – mehr als aus jeder anderen Diamantmine weltweit. Doch das Geschäft läuft schlecht.

Früher gingen die Kumpel nach dem Schichtwechsel oft in eine der umliegenden Bars, um dort mit einem Markenbier ihren Durst zu löschen. Doch heute sind die Kneipen verwaist. Stattdessen trinken viele der Bergleute lokale Billigmischungen, die nicht in Glasflaschen, sondern Kartons abgefüllt sind.

Die Rückkehr zum Selbstgebrauten ist ein Zeichen für den eingebrochenen Konsum auf dem Kontinent. Statt wie in den zehn Jahren bis 2014 um bis zu 7 Prozent sind Afrikas 49 Volkswirtschaften nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) 2016 im Schnitt nur noch mickrige 1,4 Prozent gewachsen – und haben damit nicht einmal das hohe Bevölkerungswachstum von durchschnittlich rund 2,7 Prozent kompensiert.

Abhängigkeit von China rächt sich

Kein Wunder, dass Millionen junger Afrikaner nach Lebenschancen jenseits ihrer Heimat suchen, immer öfter auch in Europa. Gross ist in Europa deshalb die Sorge, dass nach der Migration aus Nahost nun auch die aus Afrika aus dem Ruder laufen könnte. So kamen nach Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in den ersten drei Monaten dieses Jahres über 50 Prozent mehr Afrikaner in die EU als Anfang vergangenen Jahres. Die deutsche Regierung rechnet mit bis zu 400000 Flüchtlingen vom Nachbarkontinent in diesem Jahr. Anders als heute war die Stimmung vor drei Jahren schon deshalb besser, weil es zu jener Zeit noch keine Flüchtlingsströme gab: Damals galten viele afrikanische Volkswirtschaften als wahre Wachstumswunder. Viele wähnten den Kontinent bereits auf den Fussspuren Asiens. Ex-US-Präsident Barack Obama, dessen Vater aus Kenia stammt, zeigte sich auf einer Stippvisite 2013 fest überzeugt, Afrika werde «die nächste grosse Erfolgsstory der Welt» schreiben.

Grundlage der Hoffnung waren wie so oft zuvor die vom Rohstoffboom befeuerten hohen Wachstumsraten einiger Länder – und die Aussicht auf das Aufkommen einer konsumfreudigen Mittelschicht. Genau das scheint sich nun jedoch als Trugschluss zu entpuppen. Denn China als wichtigste Triebfeder der Erholung Arikas schaut stärker nach innen – und baut zunächst einmal die eigene Wirtschaft um. Im Zuge dessen sind Afrikas Rohstoffexporte nach China seit 2015 um fast 40 Prozent auf 67 Milliarden Dollar eingebrochen. Genauso stark fielen die chinesischen Direktinvestitionen in Afrika. Jetzt rächt sich, dass Afrika in den vergangenen Jahren fast nur auf die chinesische Karte gesetzt und darüber die historisch engen Bande zu den traditionellen Handelspartnern im Westen vernachlässigt hat. Niemand weiss, wer nun all die geplanten Infrastrukturprojekte finanzieren und umsetzen soll.

Internationale Unternehmen zeigen sich skeptisch

Chinas Metamorphose von einer rohstoffhungrigen zu einer stärker auf den Konsum ausgerichteten Volkswirtschaft könnte womöglich sogar zur Folge haben, dass die für Afrika so wichtigen Metallpreise trotz der leichten Erholung im vergangenen Jahr für lange Zeit nicht mehr richtig zulegen werden. Keinen trifft der Absturz der Rohstoffpreise härter als das Afrika südlich der Sahara, dessen 49 Volkswirtschaften auch 60 Jahre nach Beginn der Unabhängigkeit fast alle noch auf dem Export jeweils eines einzigen Rohstoffs fussen. Bei vielen Unternehmen ist die Skepsis über das vermeintlich grenzenlose Wachstumspotenzial Afrikas jedenfalls spürbar gestiegen. Nun müssen viele Unternehmen erkennen, dass die Erwartungen überzogen waren.
 

Wolfgang Drechsler, Kapstadt


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