Schweizer Botschafter Graf: «Albanien lebt die religiöse Toleranz»

DIPLOMATIE ⋅ Die Schweiz ist seit einem Vierteljahrhundert mit einer Botschaft in der albanischen Hauptstadt vertreten. Botschafter Christoph Graf erklärt im Interview, was das Land besonders beschäftigt und wo die Schweiz Unterstützung leistet.
16. September 2017, 04:40

Roseline Troxler, Tirana

Christoph Graf, seit 25 Jahren hat die Schweiz in Albanien eine Botschaft. Welche Bedeutung hat das Jubiläum, das diese Woche gefeiert wird?

Die Beziehung zwischen den beiden Ländern ist solide und freundschaftlich. Das Jubiläum ist eine Gelegenheit, die Partnerschaft zu erneuern. Albanien hat in den letzten 25 Jahren einen enormen Wandel erlebt. Während der fast 50-jährigen kommunistischen Diktatur war das Land sehr isoliert und rückständig. Als ich zur Schule ging, war Albanien im Schulatlas ein weisser Fleck.

Wie hat sich die Beziehung ent­wickelt?

Sie wurde in den letzten Jahren laufend intensiviert. Der albanische Ministerpräsident Edi Rama hat im März die Schweiz besucht. Dies war seit 23 Jahren die erste Visite eines albanischen Premiers. Seit den 1990er-Jahren hat die Schweiz 330 Millionen Franken an Entwicklungsgeldern in Albanien investiert. Aufgrund der guten Resultate der Projekte und dem Reformwillen wurden die Gelder in den letzten Jahren aufgestockt.

Wie erklären Sie einem Schweizer, dass jährlich gut 20 Millionen Franken an Steuergeldern in Albanien eingesetzt werden?

Albanien ist mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 4000 Euro pro Jahr immer noch eines der ärmsten Länder Europas. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent. Viele Albaner verfügen über kein funktionierendes Wasser- und Abwassersystem. Auf der anderen Seite habe ich selten ein Land gesehen, das von einem solch tiefen Niveau ausgehend eine derart schnelle Entwicklung gemacht hat. Der Steuerfranken ist hier gut eingesetzt. Die Gelder bedeuten auch Solidarität gegenüber der EU, die im Westbalkan sehr präsent ist.

Welche Vorstellung hat die albanische Bevölkerung von der Schweiz?

Die Schweiz und ihre Demokratie werden bewundert, sie haben für die Albaner beinahe etwas Paradiesisches. Viele würden gerne auswandern. Gleichzeitig wissen sie, wie schwierig es ist, in die Schweiz zu emigrieren.

Wie ist das Verhältnis zwischen Heimatland und Ausgewanderten?

Ein Drittel aller Albaner lebt im Ausland. Migration bedeutet für Albanien Bürde und Nutzen zugleich. Im vergangenen Jahr hat die Bevölkerungszahl in Albanien erstmals seit langem nicht weiter abgenommen, sondern verzeichnete einen geringen Zuwachs. Rückkehrer bieten aber auch Spannungspotenzial, wenn sie mit neuen Ideen zurückkommen, die nicht der Tradition entsprechen. Albanien versucht nun, die Diaspora besser einzubinden.

Viele Schweizer haben ein negatives Bild von Albanien.

Die in der Schweiz lebenden Albaner hatten lange Zeit in der Tat ein nicht sehr positives Image. Doch ich habe noch nie ein Land erlebt, bei dem die Wahrnehmung in der Schweiz und die Realität so weit auseinanderdriften. Das düstere Bild stimmt nicht mit dem sonnigen Land und dem mediterranen Lebensstil überein. Besucher sind erstaunt, wie ruhig und sicher es hier ist. Ausserdem sind die Albaner überaus gastfreundlich, und die Natur ist wunderschön.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der Schweiz und Albanien?

Beides sind ursprünglich Bergvölker in kleinen Ländern, die reich an Wasserressourcen sind. Vergleichbar ist auch der Drang nach Unabhängigkeit.

In Albanien gibt es nur schwache zivilgesellschaftliche Strukturen. Viele Junge verlassen das Land, statt sich in der Heimat einzusetzen.

Die Zivilgesellschaft ist im Vergleich zum Entwicklungsstand im Verzug. Der Einfluss der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha ist in der heutigen Gesellschaft noch immer spürbar. Während jener Zeit konnten gar Familienmitglieder Spitzel der Regierung sein. Es braucht Generationen, bis das Vertrauen in die Mitmenschen wieder da ist.

Die Schweiz will in Albanien die Demokratie vorantreiben. Wie sehen die Massnahmen aus?

Albaner können nur alle zwei Jahre wählen. In einem von der Schweiz unterstützten Projekt wurde vor kurzem 35000 jungen Albanern mit simulierten Wahlen gezeigt, was Wählen bedeutet. Sie sollen damit auch verstehen, dass sie als Bürger eine Verantwortung tragen. Demokratisierung ist ein langer Prozess.

Das Bildungssystem ist geprägt von Korruption und fehlender Marktausrichtung. Welche Rolle nimmt die Entwicklungszusammenarbeit ein?

Die Schweiz unterstützt das Berufsbildungssystem und setzt sich dafür ein, dass Lehrlinge im Betrieb und im Schulzimmer ausgebildet werden, im Sinne der dualen Berufsbildung. Dabei ist besonders zentral, Firmen zu animieren Junge auszubilden.

Die Korruption ist tief verankert.

Korruption ist besonders im Justiz- und Gesundheitsbereich verbreitet. Dies liegt auch an den tiefen Löhnen. Bei der «kleinen Korruption» sehe ich gewisse Verbesserungen. So gibt es Portale, wo man melden kann, wenn sich etwa Polizisten nicht korrekt verhalten. Korruption im grossen Stil und organisierte Verbrechen bleiben eine grössere Herausforderung.

 

Seit 2014 ist Albanien EU-Beitrittskandidat. Wo muss das Land Fortschritte machen, damit je Verhandlungen aufgenommen werden?

Die Justizreform, welche auch zur Eindämmung der Korruption dient, ist eine der Prioritäten. Ein Drittel der Verfassung musste letztes Jahr angepasst werden. Die Schwierigkeit liegt jedoch in der Anwendung der Gesetze. Die Albaner sind bemüht, sich den europäischen Standards anzunähern.

Die Trans Adriatic Pipeline AG (TAP) mit Sitz in Baar baut derzeit eine Erdgaspipeline von Aserbaidschan nach Italien. Was bedeutet es, dass diese durch Albanien führt?

Die TAP ist das grösste und wichtigste Projekt für die albanische Wirtschaft. Insgesamt werden 1,5 Milliarden Franken investiert. Das Projekt ist für die Hälfte der Wachstumsrate Albaniens verantwortlich. Der Bau schafft viele Arbeitsplätze. Dass die Pipeline durch Albanien führt, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst der Schweizer Privatwirtschaft und der Schweizer Diplomatie.

Was muss sich ändern, dass weitere ausländische Firmen investieren?

Rechtssicherheit und klare Eigentumsverhältnisse sind eine wichtige Voraussetzung. Bis vor 27 Jahren gehörte alles Land dem Staat. Bis die Landbesitzfrage gelöst ist, braucht es Zeit.

Was kann die Schweiz von Albanien lernen?

Die Kunst des Improvisierens, den Familienzusammenhalt, die Gastfreundschaft und die religiöse Toleranz. Ich kenne kein mehrheitlich muslimisches Land, welches die religiöse Toleranz mehr lebt. Mischehen zwischen Muslimen, Orthodoxen und Christen sind weit verbreitet.

Hinweis: Christoph Graf (57) ist seit 2014 Schweizer Botschafter in Albanien. Er ist verheiratet und zweifacher Vater.


Leserkommentare

Anzeige: