«Kohl vom Netz genommen»: Wie Spasspolitiker Martin Sonneborn bei der EU immer wieder für Ärger sorgt

SATIREPARTEI ⋅ Seit 2014 sitzt Martin Sonneborn für «Die Partei» im EU-Parlament und provoziert mit satirischen Aktionen. Das kommt nicht immer gut an – obwohl Sonneborn schon Missstände aufgedeckt hat.
05. Oktober 2017, 07:50

Remo Hess, Brüssel

Unter den 750 Abgeordneten im EU-Parlament gibt es einige Paradiesvögel. Der vielleicht bekannteste unter ihnen ist Martin Sonneborn, Vorsitzender der deutschen Satirepartei «Die Partei». Im EU-Parlament sagt Sonneborn Sätze wie: «Ich habe in den vergangenen zwei Jahren Grosses geleistet: Ich habe die Engländer nach Hause geschickt, Martin Schulz entmachtet und zum Kanzlerkandidaten degradiert sowie Helmut Kohl vom Netz genommen und witwengesichert endgelagert.»

Das finden nicht alle lustig. Martin Weber (CSU), Fraktionschef der europäischen Konservativen (EVP), verlangte gar, dass Sonneborn für seine Kohl-Bemerkung gemassregelt wird. Zu Sonneborn im Allgemeinen will er sich aus Prinzip nicht weiter äussern. Auch deutsche Journalisten in Brüssel geben sich verkrampft. Sonneborn sei ein «Spinner» oder ein «Selbstdarsteller, der einfach sein Heft verkaufen will», heisst es.

Im früheren Leben Chefredaktor der «Titanic»

Mit dem Heft ist das Satiremagazin «Titanic» gemeint, dessen Chef Sonneborn von 2000 bis 2005 war. In dieser Zeit gründete er mit anderen «Titanic»-Re­daktoren «Die Partei», «weil wir selbst nicht mehr wussten, was wir wählen sollten», so Sonneborn im Gespräch mit unserer Zeitung. Dass seine Spasspartei reiner Selbstzweck ist, verneint der 52-Jährige. Seine «Partei» transportiere politische Inhalte eben mit satirischen Mitteln. So stünde hinter dem Ruf, «die Mauer wiederaufzubauen», der Verweis auf die sozialen Probleme in Ostdeutschland im Zuge der Wiedervereinigung. Die Forderung, «Europa darf nicht mehr Flüchtlinge als das Mittelmeer aufnehmen», lenke die Aufmerksamkeit auf die «zynische Flüchtlings­­- politik der Europäischen Union». Den Ausdruck «Spasspolitiker» kann Sonneborn deshalb nicht mehr hören. Nicht nur, weil die Weltlage momentan nicht sehr lustig sei, sondern auch, weil der Begriff zunehmend «verbissen und gänzlich ohne Augenzwinkern» verwendet werde.

Damit verweist Sonneborn auf die Kritik, wie sie während des deutschen Bundestagswahlkampfes vermehrt zu lesen war. «Partei wählen ist das Letzte», schrieb etwa ein Redakteur der Taz in einem viel beachteten, völlig satirefreien Kommentar. Sonneborn und seine Kollegen seien «elitär, bourgeois und amoralisch». Sie würden in einer wichtigen Wahl wichtige Stimmen an sich binden und die deutsche Demokratie ad absurdum führen.

Die Missgunst von links kommt nicht von ungefähr. «Die Partei» zieht vor allem junge Wähler aus dem urbanen, linken Milieu an. Im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain, einem traditionell grünen Wahlkreis, erreichte «Die Partei» mit ihrem Spitzenkandidaten, dem Komiker Serdar Somuncu, beachtliche 7,2 Prozent. Den Vorwurf, wer «Die Partei» wähle, unterstütze indirekt die AfD, hält Sonneborn für «Unsinn». Vielmehr würde «Die Partei» Leute politisieren, die sonst nie oder nicht mehr wählen gingen. Dass sich diese Menschen mit politischen Inhalten auseinandersetzten, sei «unser Verdienst», so Sonneborn.

Dies nicht zuletzt, weil «Die Partei» politische Vokabeln aufgreift und sie in anderem Kontext selbst benutzt. Wenn AfD-Chef Alexander Gauland ankündigt, er werde «Merkel jagen», dann erklärt Sonneborn umgehend: «Ab jetzt jagen wir Gauland!» Im politischen System übernimmt Sonneborns Partei die Rolle des Sprachwächters. Mit ihrer Adaption und Entfremdung der politischen Rhetorik weist «Die «Partei» etwa auf unterschwelligen Rassismus hin oder demontiert politische Slogans als hohl – wie im Jahr 2013, als sie den Bundestagswahlkampf mit dem Spruch «Inhalte überwinden» bestritt.

Das Vorurteil von der Schwatzbude

Dass Sonneborn unter der satirischen Oberfläche durchaus hehre politische Motive verfolge, glaubt auch sein grüner EU-Parlamentskollege Sven Giegold. Wenn Sonneborn EU-Fördergeld verschenken lasse oder Sektempfänge im EU-Parlament abhalte, weise er zu Recht auf Probleme in der Parteienfinanzierung und der Transparenz hin. Scharfe Kritik muss sich Sonneborn aber auch von Giegold gefallen lassen. Denn der «Partei»-Abgeordnete bediene das Vorurteil, das EU-Parlament sei eine reine Schwatzbude und im Institutionengefüge der EU völlig bedeutungslos. Das sei falsch und entbehre des in der Satire oft enthaltenen wahren Kerns. Giegold: «Als Linker sollte sich Sonneborn dafür schämen.»

Tatsächlich nimmt der selbst ernannte «Partei-GröVaz» (Grösster Vorsitzender aller Zeiten – freilich eine Anspielung auf den Hitler-Spottnamen GröFaz) sein Europa-Mandat ernster, als es zu vermuten wäre. Im Gegensatz zu den meisten EU-Parlamentariern hat er seinen Lebensmittelpunkt nach Brüssel verlegt und nimmt auch an den Parlamentssessionen in Strassburg beharrlich teil. Zuletzt kam er sogar von seinem Grundsatz ab, gemäss dem «Partei»-Motto «Ja zu Europa, Nein zu Europa» abwechselnd mit «Ja» und «Nein» abzustimmen. Um die von Giegold initiierte Forderung einer Verschärfung der Transparenz­regeln für Ex-EU-Kommissare zu unterstützen, votierte er zum Beispiel zehnmal nacheinander mit «Ja». Sonneborn: «Nun muss ich überlegen, wie ich das meinen Wählern verklickern soll.»

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