Armee bringt sich gegen syrische Kurden in Stellung

TÜRKEI ⋅ Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigt «neue wichtige Entscheidungen» zu Syrien an. Die Ansage dürfte eine Drohung an die Adresse der Kurden sein.
09. August 2017, 04:39

«Neue wichtige Entscheidungen zu Syrien stehen unmittelbar bevor:» Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Veranstaltung in Malatya am vergangenen Wochenende über Syrien sprach, hatte er zuvor den Erfolg der Militäroperation hervorgehoben, die im vergangenen Sommer und Herbst mit der Eroberung der Stadt al-Bab nördlich von Aleppo ihr vorläufiges Ende gefunden hatte. Allen Beobachtern in der Türkei war deshalb klar: Es geht bei den «wichtigen Entscheidungen» um eine neuerliche grössere türkische Militäraktion in Syrien. Dazu passt die Tatsache, dass die Armee in den letzten Tagen neues Material an die Grenze gebracht hat.

Laut offiziellen Angaben wurden am Sonntag etliche zusätz­liche Artilleriegeschütze und Panzerhaubitzen bei der Stadt Kilis stationiert. Die Operation «Schild Euphrat» vom letzten August diente offiziell dazu, die Terrormiliz IS von der Grenze der Türkei zu vertreiben. Das Zurückdrängen der syrisch-kurdischen YPG-Miliz wurde nur als Nebenschauplatz ausgegeben. Dieses Mal soll es offiziell gegen die syrischen Kurden gehen.

Erdogan-Gegner sind Verbündete der USA

Angeblich wird die Türkei aus dem der Stadt Kilis gegenüberliegenden kurdischen Kanton Afrin immer wieder beschossen und muss sich selbst verteidigen. Tatsächlich will die türkische Regierung mit allen Mitteln verhindern, dass in den kurdischen Gebieten auf der syrischen Seite ein neues, mit dem Nordirak vergleichbares kurdisches Autonomiegebiet entsteht. Ankara betrachtet die YPG und ihre politische Dachorganisation PYD als syrischen Ableger der türkisch-kurdischen PKK, die sich seit mehr als 30 Jahren Kämpfe mit der Türkei liefert. Ankara will deshalb einen PKK-Staat an der Grenze verhindern.

Erdogan hat aber ein grösseres Problem: YPG-Bodentruppen sind zusammen mit der US-Luftwaffe und US-Spezialkommandos im Begriff, die IS-Hoch­- burg Rakka in Syrien zurückzuerobern. Seit langem versucht die Türkei das Bündnis der USA mit der YPG zu sprengen, bislang vergeblich. Mehr Erfolg hatte Ankara in Moskau. Auch die russische Armee kooperierte lange mit der YPG. Doch Präsident Wladimir Putin geht in letzter Zeit auf Distanz zu den Kurden.

 

Jürgen Gottschlich


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