Aus Helfern werden Opfer: Sanitäter werden in Südafrika vermehrt ausgeraubt

JOHANNESBURG ⋅ In Südafrika werden Ärzte und Sanitäter immer öfter Opfer von Raubüberfällen. Leidtragende des Trends sind die Bewohner der Townships.
11. November 2017, 09:25

Markus Schönherr, Kapstadt

Lieferung verweigert! Für Paketdienste oder Pizzalieferanten in Südafrika gehört es mittlerweile zur Firmenpolitik, die Townships zu meiden – zu riskant ist die Fahrt in die Armenviertel. Demnächst könnten sich ihnen Notärzte anschliessen. Jetzt forderte eine Überfallwelle auf Sanitätsdienste ihr erstes Todesopfer: In Kapstadt starb ein siebenjähriger Knabe diese Woche an seinen Verletzungen wegen eines Autounfalls, nachdem die Ambulanz auf dem Weg ins Spital über Ziegel raste. Eine Township-Bande hatte die Steine auf der Strasse platziert, um die Helfer an der Weiterfahrt zu hindern. Danach raubte sie die Sanitäter und die Eltern des Knaben aus.

Der Tod des kleinen Faigon sorgte in Südafrika für Schlagzeilen. Glaubt man lokalen Medien und Politikern, treten Fälle wie dieser immer häufiger auf. Allein rund um Kapstadt wurden letztes Jahr über 80 Raubüberfälle auf Rettungskräfte gemeldet. «Diese verachtenswerten Personen haben unsere Angestellten als leichtes Ziel auserkoren», so der private Sanitätsdienst EMS. Setzt sich der Trend fort, kann ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall für die verarmte Bevölkerung bald ein Todesurteil bedeuten.

Jahrelanger Bandenterror

Das Problem sind Banden, die bereits vor der demokratischen Wende 1994 die Townships terrorisierten. Mittlerweile weigern sich private Rettungsdienste, die Slums ohne Polizeieskorte zu betreten – gleich, ob Patienten dadurch bis zu zwei Stunden auf den Transport in das nächste Spital warten müssen. Laut EMS-Sprecher Robert Daniels wurden einige Townships zur «roten Zone» erklärt. «Das wirkt sich erheblich auf die Reaktionszeit der Not­ärzte aus, doch die Sicherheit unserer Angestellten hat oberste Priorität.» Unterdessen steigt die Wut der Betroffenen. «Selbst in Kriegsländern werden Ambulanzen nicht gezielt angegriffen», skandiert Bongani Mini von der Südafrikanischen Bürgervereinigung (Sanco) in Philippi. Auch das Township im Süden Kapstadts wird von rivalisierenden Banden beherrscht. Im September vergangenen Jahres zog ein Konvoi aus 300 Sanitätern, Pflegern und Polizisten durch Philippis Strassen, um gegen die Attacken zu protestieren. «Heute halten wir fest, dass die Sicherheit der Sanitäter jeden etwas angeht», so Kapstadts Gesundheitsstadträtin Nomafrench Mbombo.

Mitte letzten Jahres im Happy Valley: Ausgerechnet im «glücklichen Tal», einem Township bei Kapstadt, werden Sanitäter von vier Männern aufgehalten, als sie gerade einen Patienten in den Wagen laden. Ein Nothelfer wird mit einer geborstenen Flasche niedergestochen; Mobiltelefone, Portemonnaies und Taschen gestohlen.

Doch nicht nur in Kapstadt, dem Epizentrum der Ambulanzkrise, werden die Notversorger zu Opfern. 2015 hielten Bewaffnete eine Ambulanz in der Provinz Kwazulu Natal auf. «Sie nahmen zwei Telefone und befahlen den Sanitätern zu laufen. Dann steckten sie den Wagen samt der Rettungs- und Reanimationsgeräte in Brand», so der lokale Gesundheitsminister Sibongiseni Dhlomo. Später stahlen sieben Bewaffnete eine Ambulanz in Johannesburg, zwangen den Fahrer in den Wagen und entführten damit drei Kinder aus einem Waisenhaus. Einen gestohlenen Notarztwagen aus der Provinz Freistaat fand die Polizei im Nachbarland Lesotho wieder. Dort sollte er zum Taxi umgebaut werden.

Etliche Sanitäter sind auf psychologische Unterstützung angewiesen. Die Politik reagiert nur langsam, etwa mit speziellen Trainings für die Helfer und einbruchsicheren Fenstern. Entscheidend für die Rettungsdienste bleibt vorerst aber der Mut der Mediziner.


Leserkommentare

Anzeige: