Das Dilemma mit der Braunkohle

DEUTSCHLAND ⋅ Früher als die Schweiz hat Deutschland alternative Energien gefördert. Deren Anteil steigt jährlich. Dennoch gilt das Land als Dreckschleuder Europas. Ein Grund dafür ist die Kohleförderung. Für sie müssen bis heute ganze Dörfer weichen.
20. Mai 2017, 08:49

Christoph Reichmuth, Immerath

Die Schaufel des Abbruchbaggers frisst sich geräuschvoll in die Hausfassade, hervor tritt das, was mal ein Badezimmer mit gekacheltem Boden war. Eine Ruine ist übriggeblieben von diesem einst hübschen kleinen Einfamilienhaus. Just daneben steht die im 19. Jahrhundert errichtete Pfarrkirche von Immerath. Der Bagger wird auch die alten Gemäuer des «Doms von Immerath», wie die Kirche genannt wird, demnächst einreissen.

Die kleine Gemeinde, 60 Kilometer nordwestlich von Köln gelegen, zählte bis vor ein paar Jahren 1500 Einwohner. Es gab Bäckereien, ein paar Kneipen, eine Schule und ein Spital. Jetzt wird die im 12. Jahrhundert gegründete Ortschaft dem Erdboden gleichgemacht. Die Fensterläden der verbliebenen Häuser sind mit einem Holzverschlag verschlossen, Türen zugesperrt, Fassaden am Bröckeln. Weniger als 30 Menschen leben noch an diesem gespenstischen Ort, der, so erzählen es die letzten Einwohner, einst idyllische Heimat war.

Immerath muss dem Tagebau Garzweiler II des RWE-Konzerns weichen. Unter der Erde im Rheinischen Revier liegen viele hundert Meter tief im Boden etwa 3 Milliarden Tonnen Braunkohle vergraben. Tausende Personen haben ­allein in dieser Region Deutschlands ­wegen der Braunkohle ihre Heimat verloren, Zehntausende auch in der Lausitz und in Mitteldeutschland. «Immerath und die grünen Felder, das ist meine Heimat. Aber meine Heimat lebt nur noch in Erinnerungen», sagt Lars Zimmer (45), einer der letzten Einwohner des Dorfes. Nächstes Jahr wird auch er nach Immerath Neu ziehen, einer künstlich hoch­gezogenen Gemeinde, von RWE finanziert, etwa 3 Kilometer vom alten Dorf entfernt. «Was bleibt mir anderes übrig. Alle Nachbarn sind fort, der Ort existiert nicht mehr», sagt Zimmer, der sein ganzes Leben im alten Dorf verbracht hat.

Deutschland hinkt bei selbstgesteckten Zielen hinterher

Die noch immer intensive Förderung von Braunkohle in Deutschland sorgt dafür, dass das Land den wenig schmeichelhaften Beinamen Dreckschleuder Europas trägt. Der Klimakiller Kohle macht noch heute fast einen Viertel der Bruttostromerzeugung in Deutschland aus. Deutschland hinkt den selbstgesteckten Zielen bei der CO2-Reduktion nicht zuletzt wegen der Energiegewinnung aus Kohle massiv hinterher. Im vergangenen Jahr ist der Treibhausgasausstoss im Vergleich zu 2015 sogar gestiegen. Das liegt nicht nur an der Energiegewinnung aus Braun- und Steinkohle, die zusammen sogar 40 Prozent der Bruttostromerzeugung ausmachen, aber zu einem guten Teil eben schon.

Dabei setzte Deutschland früher als die Schweiz auf die Förderung umweltschonender Alternativenergien. Der Anteil am Ökostrom ist von 6 Prozent (2000) auf über 30 Prozent (2016) gestiegen. Bis 2025 sollen 45 Prozent des verbrauchten Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien wie Windkraft oder Sonnenenergie stammen, bis 2035 sogar bis zu 60 Prozent. Die erneuerbaren Energien sind laut der Bundesregierung schon heute Nummer 2 im Strommix. Allerdings trägt die Kernenergie heute noch einen Anteil von 13 Prozent an der Stromerzeugung. Bis 2022 sollen aber alle Kernkraftwerke in Deutschland vom Netz. Der 2011 nach der Katastrophe von Fukushima von der Regierung Merkel eilig beschlossene Atomausstieg trägt nicht dazu bei, dass Deutschland den Ausstieg aus dem klimaschädlichen Kohleabbau forciert – abgesehen davon, dass die Kohleindustrie über eine gewaltige Lobby verfügt und Tausende von Arbeitsplätzen an der Industrie hängen. Kaum ein Politiker wagt es, öffentlich gegen die Kohleindustrie vorzugehen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kämpft seit Jahren gegen den Braunkohleabbau. Die Aachener Ökologin vom BUND in Nordrhein-Westfalen, Dorothea Schubert, ist überzeugt, dass mit einer stärkeren Förderung von erneuerbaren Energien und einer drastischen Senkung des Energieverbrauchs Deutschland auf die umweltschädliche Braunkohle verzichten kann. Doch die Politik will sich mit den Energiegiganten nicht anlegen und verzichtet deshalb auf Vorgaben für einen vorzeitigen Ausstieg aus der Braunkohle, moniert Schubert.

Teilerfolg für BUND und Anwohner

Immerhin erzielten der BUND und Anwohner der betroffenen Tagebaugebiete in NRW kürzlich einen Teilerfolg. Der RWE-Konzern muss die geplanten neuen Abbaugebiete im Gebiet Garzweiler II redimensionieren, mehrere Ortschaften in der Region müssen daher nun doch nicht umgesiedelt werden. Anwohner sehen die Chance, dass die Braunkohleförderung nun deutlich früher enden wird als vorgesehen: Statt 2045 könnte die letzte Kohle im Revier schon 2030 aus der Erde geholt werden, hofft Dorothea Schubert.

Für die Bewohner der Kleingemeinde Immerath ist das kein Trost. Ihr Dorf ist eines der letzten, die für den Tagebau weichen müssen. Nicht alle Menschen sind an diesem Dienstag Anfang Mai bereit, uns ihre Geschichte zu erzählen. Eine ältere Frau, die in einem gepflegten Hof an einer nun menschenleeren Strasse wohnt, weint, als sie auf die Umsiedlung angesprochen wird. Um darüber zu sprechen, fehle ihr die Kraft, sagt sie.

Lars Zimmer führt von seinem erst vor wenigen Jahren gebauten kleinen Einfamilienhaus über eine sattgrüne Wiese zu einer Aussichtsplattform, von wo der Blick direkt in die gigantische ­Abbaufläche reicht. «Der Blick ins ­Grauen», sagt Zimmer mit einem bitteren Lachen. Er schaut zurück auf die grünen Felder, im Hintergrund sind die Türme der Immerather Kirche zu sehen. «Ich kann immer noch nicht begreifen, dass diese wunderschöne Gegend hier irgendwann weg sein wird.»

Kupferdiebe plündern das «tote Dorf»

Die Tierärztin Verena König-Portz sitzt in ihrem kleinen, idyllischen Garten, die Sonne sorgt für milde Frühjahrstemperaturen. Ihre beiden Töchter, die dreijährige Ida und die siebenjährige Luzia, bauen Burgen im Sandkasten. Bis November 2018 muss die Familie weggezogen sein, das haben sie vertraglich mit RWE so vereinbart. Ihren Widerstand gegen die Umsiedlung hat die 41-Jährige aufgegeben, sämtliche ihrer Freunde sind schon weggezogen. Vor allem nachts, sagt sie, sei es bisweilen unheimlich in Immerath. Kupferdiebe schleichen um die Häuser und nehmen aus den leerstehenden Wohnungen heraus, was sie noch vorfinden.

Ida hat ihrer Mutter kürzlich ein Bild gebastelt. Das kleine Mädchen hat dem Werk den Titel «Das tote Dorf» gegeben. Es erzählt die Geschichte von Immerath, einem Dorf, das einst Heimat war. «Da musste ich mir schon eine Träne wegwischen», sagt König-Portz. Nun freut sie sich auf den Neuanfang im künstlich aufgebauten Dorf Immerath Neu, wenige Kilometer entfernt. Ein Gehöft in dieser Grösse, mit schönem Garten und Pferdestallung – diesen Lebensstandard werden sie am neuen Ort nicht mehr erreichen. Doch im Gegensatz zu hier, sagt König-Portz, gibt es am anderen Ort Leben.

Anzeige: