Das gefährliche Spiel der Saudis

ARABISCHE WELT ⋅ Mit der Verschärfung des Konfrontationskurses gegenüber dem Iran versucht der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman von der «Putinisierung» seines Landes abzulenken.
12. November 2017, 08:43

Michael Wrase

Mohammed bin Salman wisse genau, was er tue, hatte US-Präsident Donald Trump noch am vergangenen Montag die innen- und aussenpolitischen Rundumschläge des saudischen Kronprinzen kommentiert. Fünf Tage später ist man sich in Washington nicht mehr ganz so sicher. Sorgen bereitet vor allem die Lage im Libanon. «Keine Partei oder Organisation», warnte US-Aussenminister Rex Tillerson am Freitag, dürfe die Zedernrepublik «als Schauplatz für einen Stellvertreterkrieg missbrauchen».

Gemeint war – neben dem Iran – auch Saudi-Arabien, das nach Einschätzung der meisten Analysten im Nahen Osten den libanesischen Premierminister Saad Hariri in der vorletzten Woche zum Rücktritt gezwungen hat. In seiner Begründung nannte der in Riad geborene Libanese den wachsenden Einfluss Irans und der von Teheran unterstützten Hisbollah. Beide hätten «eine Verschwörung gegen ihn angezettelt», wollten ihn ermorden, behauptete Hariri. Laut Erkenntnissen von Parteifreunden wurde Hariris Erklärung, die er bei seiner Fernsehansprache ablas, in Saudi-Arabien «festgesetzt».

Ziel ist es, den Libanon zu destabilisieren

Beweise für diese These gibt es noch nicht. Je länger Hariri schweigt, desto wahrscheinlicher wird es, dass der Libanese von «MBS», wie Freunde und Feinde den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman nennen, instrumentalisiert wird. Die Absichten des 32-jährigen Polit­novizen sind klar: Mit dem Rücktritt von Hariri soll der Libanon destabilisiert und so der Einfluss des Irans zurückgedrängt werden.

Zum wiederholten Male vergreife sich der Saudi an den vermeintlichen «Schwachen und Kleinen», kritisierte der Kommentator des Fernsehsenders Al Jazeera. Nachdem Kronprinz Mohammed bin Salman in Syrien und im Irak so kläglich gescheitert sei, versuchten die Saudis nun im Libanon und im Jemen, Stärke gegenüber der als übermächtig empfundenen Regionalmacht Iran zu demonstrieren.

Ob dieses Kalkül aufgeht, ist fraglich. Die Hisbollah wird auch nach dem Rücktritt Hariris die stärkste Kraft im Libanon bleiben. Und auch mit der Verschärfung der humanitären Krise im Jemen dürfte Riad keine Freunde gewinnen. Dass «MBS» dennoch seine Muskeln spielen lässt, hat innenpolitische Gründe.

Mit der Pflege des Feindbildes Iran soll von der Bekämpfung innenpolitischer Rivalen abgelenkt werden. Die Botschaft des Kronprinzen ist klar: «Da wir von Teheran bedroht werden, müssen jetzt die Reihen unter einem (vermeintlich) starken Führer ­geschlossen werden.» Weit über 500 Persönlichkeiten sollen in den vergangenen acht Tagen in Saudi-Arabien verhaftet, fast doppelt so viele verhört worden sein, meldete am Samstag das vom Saudi-Rivalen Katar finanzierte Nachrichtenportal Middle East Eye.

Die Angaben werden auch von westlichen Diplomaten in Riad weitgehend bestätigt. Das «Riz Carlton» in der saudischen Hauptstadt ist nach ihren Informationen «das einzige Luxushotel der Welt, das in ein riesiges Gefängnis verwandelt wurde». Ob dort gefoltert wird, wie saudische Dissidenten behaupten, ist kaum überprüfbar. Auch für die These von einem gescheiterten Putsch in Riad, auf den «MBS» nun mit einer rigorosen Verhaftungswelle reagiere, gibt es bisher keine Belege.

Klar sei jedoch, dass der als arrogant beschriebene Saudi sein Wüstenreich nicht reformiere, sondern in Wirklichkeit «puti­nisiere», analysierte der ame­rikanische Finanzdienstleister Bloomberg am Donnerstag. Der saudische König, der Thronfolger und der russische Präsident sprächen die gleiche Sprache. Mit einer rücksichtslosen Verhaftungswelle, welche als «Antikorruptionskampagne» kaschiert werde, versuchten sie, die Opposition in Schach zu halten. Die meisten westlichen Kommentatoren, heisst es bei Bloomberg weiter, würden den Vergleich mit Putin jedoch scheuen, weil Saudi-Arabien ein traditioneller Verbündeter des Westens sei – und sich gegen den Iran stelle.

Vorgehen der Saudis ist kontraproduktiv

Dass Saudi-Arabien mit seinem starren Konfrontationskurs gegenüber Teheran die Gräben im Mittleren Osten vertieft, wird indes vielfach übersehen. Tatsächlich sei es der Iran, der von dem impulsiven Vorgehen Saudi-Arabiens profitiere, analysiert der für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik arbeitende Islamwissenschafter Sebastian Sons in «Die Zeit».

Der Saudi-Arabien-Experte vergleicht den saudischen Kronprinzen mit einer Spinne, die überall ihre Fäden ziehe, «sich aber zunehmend in den selbst aufgestellten Fallen verheddert». Das könne man im Jemen, in Katar und nun auch im Libanon beobachten, wo das saudische Vorgehen «mittelfristig zu einer weiteren Stärkung der Hisbollah» führen werde.


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