Das Klimawunder aus Mittelamerika

ERNEUERBARE ENERGIEN ⋅ Costa Rica hat die beste Umweltbilanz Lateinamerikas. 98 Prozent des Stroms stammen aus sauberen Quellen. Die umweltpolitische Erfolgsgeschichte geht auf das Zusammenwirken von Staat und Privatwirtschaft zurück.
11. November 2017, 09:01

Sandra Weiss, Puebla

Nyuti ist dunkelgrau, mit tropischen Blumen, Wildkatzen und Schmetterlingen bemalt und Costa Ricas Pilotprojekt alternativer Verkehrskonzepte. «Nyuti» heisst im Chorotegischen, der Sprache der indigenen Bevölkerung Costa Ricas, «Stern». Und hoch hinaus wollen seine Erfinder tatsächlich. Nyuti ist ein Bus, der mit Wasserstoff betrieben wird. Er hat 35 Sitzplätze, eine Klimaanlage und kann mit 38 Kilogramm Wasserstoff 338 Kilometer weit fahren.

Die ersten Teststrecken hat er bereits zurückgelegt, und noch vor Jahresende soll er zwischen Liberia – dem Sitz des Herstellers Ad Astra Rocket Company – und den Stränden der Provinz Guanacaste verkehren. Gratis, wie der wissenschaftliche Direktor der Firma, José Castro, der Bevölkerung versprochen hat. «Nyuti ist der erste Baustein, wir streben mittelfristig an, das gesamte Mobilitätskonzept zu verändern und zu beherrschen, einschliesslich der Herstellung, Lagerung und Ausgabe des Wasserstoffs», sagt Díaz.

Hinter Nyuti steckt ein in ganz Lateinamerika einmaliges, harmonisches Miteinander von Staat und Privatwirtschaft. Entworfen wurde das Projekt vom costa-ricanisch-amerikanischen Doppelbürger und früheren Nasa-Astronauten Franklin Chang Díaz. Díaz ist Vorsitzender von Ad Astra Rocket und einer der Technologie-Pioniere des kleinen mittelamerikanischen Landes. Finanziert wurde der eine Million teure Prototyp durch einen Kredit der staatlichen Entwicklungsbank. Und bei Technologie und Komponenten holte man sich sachkundige Beratung aus Frankreich und den USA. Diese permanente Suche nach Syn­ergien hat dazu beigetragen, dass Costa Rica heute in Sachen Umwelt- und Klimaschutz zu den internationalen Vorbildern gehört, zusammen mit Ländern wie Norwegen und Finnland. In Lateinamerika ist es unangefochtener Spitzenreiter beim Klimaschutz: 98 Prozent des Stroms stammen aus sauberen Quellen, allen voran Wasserkraft (69 Prozent), gefolgt von Wind (16 Prozent) und Geothermik aus Vulkanen (11 Prozent). Im Vergleich: Weltweit wird nicht einmal ein Viertel des Stroms aus nachhaltigen Quellen bezogen. Costa Rica ist nicht ­ nur bei der Energiegewinnung regional spitze, sondern auch bei der Verteilung: 99 Prozent aller Haushalte sind ans Stromnetz angeschlossen.

Stolz darauf ist besonders das staatliche Elektrizitätsinstitut ICE, das die Umstellung schon vor fünf Jahrzehnten vorangetrieben hat – damals vor allem aus Kostengründen und mit dem Ziel nationaler Souveränität, denn für die bis dahin dominierenden Heizkraftwerke musste das Land Dieseltreibstoff importieren und war von Weltmarktpreisen abhängig. Es begann mit Staudämmen, und seit 1996 beherbergt Costa Rica zudem die älteste Windkraftanlage Lateinamerikas. Bis 2021, so die politische Vorgabe, soll Costa Rica CO2-neutral werden, ein ehrgeiziges Ziel, von dem andere Länder nur träumen können.

«Es ist eine freiwillige Zielvorgabe, und es sieht so aus, als würden wir sie nicht ganz erreichen», räumt der Umweltexperte Manfred Kopper ein, costa-ricanischer Klimaberater der Agentur Ernst und Young. Da kommt Nyuti zum Tragen, denn vor allem der Individualverkehr wiegt bislang schwer in der Bilanz. Rund 1,5 Millionen Fahrzeuge sind in Costa Rica zugelassen; der Schwerlastverkehr und der öffentliche Nahverkehr fahren mit Diesel.

Elektrozug soll zwischen Atlantik und Pazifik verkehren

Die Russpartikel sorgen vor allem in der Hauptstadt San José für dicke Luft. Nyuti könnte Abhilfe schaffen, zusammen mit Importverboten für ältere Gebrauchtwagen. Die Regierung plant ausserdem einen Elektrozug zwischen Atlantik- und Pazifikküste.

Costa Rica dürfe sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, wenn es sein Ziel erreichen wolle, fordert der Ingenieur José Lara. «Der Energiemix ist noch nicht optimal. Die Staudämme sind auf genügend Regen angewiesen. In der Trockenzeit von Dezember bis Mai reicht ihre Kapazität nicht aus.» Viel zu wenig habe die Regierung zudem in Solaranlagen investiert, die gerade während der Trockenzeit tagsüber dieses Defizit ausgleichen könnten. Das solle sich jedoch ändern, versprach Präsident Luis Guillermo Solís unlängst. Die Regierung liebäugelt auch mit Biogasgewinnung aus landwirtschaftlichen Abfällen, die zum Beispiel bei der Verarbeitung von Ananas anfallen, einer der Exportschlager Costa Ricas. «Wir dürfen uns aber nicht nur auf die Erzeugung konzentrieren, sondern müssen den Verbrauch noch mehr senken», fordert Umweltexperte Kopper. Gute Erfahrungen habe die Regierung mit der «blauen Flagge» gemacht, einer Auszeichnung für die jährlichen Sieger beim Energiesparen.

Rund 1000 Unternehmen, 60 Prozent der Schulen und 1000 Privathaushalte machen bislang bei dem Wettbewerb mit – «das ist schon gut, aber da ist noch Spielraum nach oben», findet Berater Kopper. Andere fordern gesetzliche Änderungen. Etwa Esteban Bermúdez von der Energieberatungsfirma Escoia. «Der Markt könnte offener und viel ­näher am Verbraucher sein», sagt er. «Noch hat der Staat ein Monopol, aber gerade bei der Solarenergie könnte jeder Haushalt gleichzeitig Erzeuger und Verbraucher sein», so Bermúdez.

Die Debatte zeigt, wie präsent das Thema im costa-ricanischen Alltag ist. «Wir alle zusammen entwerfen die Zukunft», sagt Kopper.


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