50. Todestag: «Che» polarisiert noch heute

KUBA ⋅ Zurückhaltend bereitet Kuba sich auf die Feiern zum 50. Todestag des Volkshelden «Che» Guevara vor. Von dessen Vermächtnis ist heute nicht viel übrig – auch wenn es auf den ersten Blick so scheint.
07. Oktober 2017, 09:30

Sandra Weiss, Puebla

»Wir wollen sein wie der Che», rezitieren kubanische Grundschüler noch heute brav, 50 Jahre nach dem Tod des kubanisch-argentinischen Freiheitskämpfers. Vor einem halben Jahrhundert exekutierte ein bolivianischer Offizier den 39-Jährigen, als der im bolivianischen Chaco zum linken Befreiungskampf blies. Jetzt lassen Kuba und Bolivien Ernesto Che Guevara wieder aufleben.

In beiden Ländern regieren Sozialisten, die das Image des ewigen Rebells vor allem zur eigenen Inszenierung gebrauchen können. In Ches Heimatland Argentinien hingegen, wo der rechtskonservative Mauricio Macri Präsident ist, wird es keine offiziellen Feiern geben. Der Arzt aus bürgerlicher Familie, der zur revolutionären Ikone wurde, polarisiert Lateinamerika bis heute. Ein blutrünstiger Wirrkopf für die einen, ein idealistischer Freiheitsheld für die anderen.

Die «rosarote sozialistische Welle» ist vorbei

Vor zehn Jahren noch hatten die Ideen des Che Hochkonjunktur auf dem Kontinent. Es war die Blütezeit der «rosaroten sozialistischen Welle», als fast ganz Südamerika links regiert wurde und den USA die Stirn bot, indem es zum Beispiel die Idee einer gesamtamerikanischen Freihandelszone zu Grabe trug. Besonders gelegen kam das den Kubanern. Sie waren wirtschaftlich fast bankrott und politisch isoliert. Im Bug der «rosaroten Welle» kamen sie wieder zu Einfluss und zu Kapital. Besonders das Erdölland Venezuela erwies sich als Rettungsanker für das an Kraftstoff und Devisen notorisch klamme Karibikland. Doch dieses Jahr werden die Feiern bescheiden ausfallen. Denn die linke Blüte ist ebenso vorüber wie der Rohstoffboom, der sie trug. Das politische Pendel bewegt sich nach rechts. Der Korruptionsskandal um den brasilianischen Baugiganten Odebrecht, der im Fahrwasser der linken Arbeiterpartei (PT) Aufträge einsackte und dafür Regierungen in ganz Lateinamerika schmierte, liess das Image von den «aufrechten Linken» bröckeln. In Brasilien wurde Präsidentin Dilma Rousseff (PT) abgesetzt und durch ihren stockkonservativen und korrupten Vize ersetzt, in Argentinien regiert Unternehmer­sohn Macri; auch in Chile sagen Umfragen einen Sieg des Unternehmers Sebastián Piñera in zwei Monaten voraus.

Selbst in den Ländern, in denen die Linke noch an der Macht ist, verpufft der Elan. In Ecuador demontiert Präsident Lenin Moreno gerade das Erbe seines Parteifreunds und Vorgängers Rafael Correa; das einst reiche Erdölland Venezuela versinkt unter den sozialistischen Revolutionären in Kriminalität, Autoritarismus und Mangelwirtschaft. El Salvador ist nach zwei linken Regierungen hoch verschuldet, und durch die Gewaltkriminalität sterben mehr Menschen als während des Bürgerkriegs. In Bolivien versucht der linke Präsident Evo Morales durch juristische Spitzfindigkeiten eine Wiederwahl durchzudrücken, auch wenn die Verfassung das verbietet und das Volk per Plebiszit Nein gesagt hat.

Raúl Castro gibt Führung des Staats in junge Hände

Nur auf Kuba scheint alles beim Alten. Doch die Ruhe trügt. Auch im Mutterland der Revolutionäre werden die Weichen neu gestellt. Revolutionsführer Fidel Castro ist tot, in wenigen Monaten wird sein Bruder Raúl die Staatsführung an die jüngere Generation abgeben – auch wenn er sich an der Spitze der Kommunistischen Partei weiter Einfluss sichern wird. Es soll eine sanfte Transition werden.

Der siebte Parteitag im April 2016 stellte die Weichen, am langsamen Reformkurs soll festgehalten werden, politisch alles beim Alten bleiben, und wirtschaftlich hat seit langem das Militär die Kontrolle. Doch nun ziehen dunkle Wolken auf. US-Präsident Donald Trump hat an der von seinem Vorgänger Barack Obama eingeleiteten Entspannung wenig Interesse, nahm einen ominösen akustischen Angriff auf das Botschaftspersonal zum Anlass, 50 Prozent der Diplomaten wieder abzuziehen und erliess eine Reisewarnung. Dann hat Hurrikan Irma Millionenschäden besonders im touristischen Nordosten der Insel hinterlassen – auch das «Che»-Mausoleum muss deshalb schnell noch auf Vordermann gebracht werden.

Das Lied vom Che ist nur ein Lippenbekenntnis

Auch jenseits der konjunkturellen Rückschläge brodelt es unter der Decke des Tropensozialismus. Die neuen Kleinunternehmer, die dank der Reformen entstanden sind, fordern vom Staat immer selbstbewusster mehr Freiräume. Neulich rebellierten die kubanischen Ärzte – einer der Exportschlager der Revolution. Er habe keine Lust mehr, ein Sklave zu sein, sagte Yalili Jiménez der «New York Times». Er und rund 150 weitere kubanische Ärzte haben in Brasilien Klage dagegen eingereicht, dass der kubanische Staat einen Grossteil ihrer Auslandsgehälter abkassiert.

Für Kubas Jugend ist Che nur noch ein Lippenbekenntnis. Viele tragen provozierend Kleider mit der US-Flagge, lieb­äugeln mit einer Karriere im Ausland oder wenigstens einem deutlich besser bezahlten Job in der Privatwirtschaft. «Alles, was Spass macht, muss man auf Kuba mit Devisen bezahlen. Das ist ätzend, ich will weg», sagt der 15-jährige Raúl Hernández aus Santiago de Cuba, dem Ort, an dem die kubanische Revolution mit dem Angriff auf die Moncada-Kaserne 1953 einst ihren Anfang nahm.

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