Kopf des Tages

Ex-Revoluzzer Joschka Fischer ist altersmilde geworden

DEUTSCHLAND ⋅ «Was gibt es da zu feiern?», hat Joschka Fischer auf die Frage geantwortet, wie er seinen 70. Geburtstag feiern wolle. «Überleben ist alles!»
13. April 2018, 07:09

Am Donnerstag wurde Joschka Fischer 70 Jahre alt, wie er den Tag begangen hat, ist nicht bekannt. Der aus der baden-württembergischen Provinz stammende Ex-Aussenminister hat sich seit der Abwahl der rot-grünen Bundesregierung 2005 aus der Tagespolitik mehr oder weniger verabschiedet. Seit 13 Jahren hat man ihn bei Bundesparteitagen der Grünen nicht mehr gesehen, das Verhältnis zu seiner Partei scheint zerrüttet. Vielleicht haben dem ersten und bislang einzigen Grünen-Aussenminister viele seinen Wandel vom «verfassungsfeindlichen Tunichtgut zum reichen Bohemien» übelgenommen, wie die «Süddeutsche» vermutet.

Fischer hat seine Partei geprägt wie kaum ein anderer. Und er personifiziert die Entwicklung der Öko-Partei wie vermutlich keiner in den Parteireihen. Die Grünen sind längst etabliert, die Realos dominieren über die Fundis. Auch Fischer hat sich gewandelt. Der Schul- und Lehrabbrecher jobbte einst als Taxifahrer, beteiligte sich Ende der 1960er-Jahre an wilden Strassenschlachten mit der Polizei, träumte vom gesellschaftlichen Umsturz. 1983 wurde er Teil der ersten Bundestagsfraktion der Grünen und spielte sich dank seines rhetorischen Talents in die erste Reihe der Partei.

Die Bezeichnung «Turnschuhminister» gaben ihm die Bürgerlichen, weil Fischer 1985 bei der Vereidigung zum Umweltminister von Hessen im Jackett und Turnschuhen erschien. Die Lederjacke tauschte er spätestens als Aussenminister in der Regierung Gerhard Schröder (1998 bis 2005) gegen schicke Anzüge ein. Die Kluft zwischen Basis und Fischer wurde grösser. Auf dem Parteitag 1999 in Bielefeld wurde er von erzürnten Parteimitgliedern mit Farbbeuteln beworfen, als er für eine deutsche Kriegsbeteiligung beim Nato-Einsatz im Kosovokrieg warb. Hingegen verwehrten Fischer und Schröder die deutsche Beteiligung 2003 am Krieg gegen den Irak – ein Entscheid, für den Rot-Grün bis heute gelobt wird.

Fischer hält heute gut bezahlte Vorträge, bewegt sich als Berater auf dem internationalen Parkett der Wirtschaftsbosse. Seiner Sorge über den Zustand der Europäischen Union gibt Fischer als Buchautor Ausdruck . Scharfe Kritik übt er an den rechtspopulistischen Strömungen in Europa. In der AfD habe es Nazis, schimpft er und warnt: Nun komme «der ganze Dreck wieder hoch». Ob das die richtige Form der Auseinandersetzung mit dem Protestpartei ist, sei dahingestellt. Aber eigentlich will sich Fischer ja zu aktuellen politischen Themen nicht mehr äussern. Es sei denn, er macht mal wieder eine Ausnahme. Vielleicht sieht man ihn bald wieder auf einem Grünen-Parteitag. Das neue Führungsduo um Annalena Baerbock und Robert Habeck hat’s ihm angetan. Fast nostalgisch schwärmt Fischer über die «tolle Spitze». Das klingt versöhnlich. Der Ex-Revoluzzer ist altersmilde geworden.

Christoph Reichmuth, Berlin


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