Der Kronprinz des Wandels

SAUDI-ARABIEN ⋅ Mit seinem Reformeifer weckt Mohammed bin Salman grosse Hoffnungen in der Bevölkerung. Für die jungen Saudis ist der 32-jährige Thronfolger bereits ein Idol.
13. April 2018, 07:16

Martin Gehlen

Noch nie haben die Saudis einen ihrer Mächtigsten so erlebt. Entspannt und lachend, ohne die übliche traditionelle Kopfbedeckung sass Mohammed bin Salman Anfang dieser Woche in einem Pariser Edelrestaurant. Mit ihm der libanesische Premierminister Saad Hariri, dazwischen Marokkos König Mohammed VI., der sich in der französischen Hauptstadt von einer Herzoperation erholt. «Saad, mach ein Foto von uns», frotzelte der starke Mann aus Saudi-Arabien. «Warum ich?», fragte Saad Hariri. «Ich kann dich auch festnehmen lassen», flachste Mohammed bin Salman. «Okay, alle mal cheese» – und dann grinsen die drei Männer einträchtig in die Selfie-Kamera.

Für den saudischen Nachwuchs ist der designierte Thronfolger auch wegen solcher lockeren Szenen populär. «Mehr Spass und mehr freie Marktwirtschaft», rief der 32-Jährige als Zukunftsmotto aus, mit dem er seine über Jahrzehnte verkrustete und erstarrte Heimat umkrempeln will. Dabei setzt er vor allem auf eine kulturelle und soziale Öffnung, ein Ende der Bevormundung durch den erzkonservativen islamischen Klerus und auf eine Megareform des Arbeitsmarktes, um dem eigenen Nachwuchs Beine zu machen und neue Berufsper­spektiven zu eröffnen.

Auf Augenhöhe mit Emmanuel Macron

Fast fünf Wochen lang tourte Mohammed bin Salman durch die westliche Welt, war in Grossbritannien, bereiste die Vereinigten Staaten, schaute drei Tage bei Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vorbei, bevor er zum Abschluss noch kurz auf die Iberische Halbinsel flog, um Spanien einen Besuch abzustatten. Harvard, Silicon Valley und Hollywood hiessen auf seiner USA-Reise beispielsweise die glanzvollen Adressen in der Neuen Welt. In Beverly Hills mieteten die Besucher von der Arabischen Halbinsel gleich für mehrere Tage das gesamte Luxushotel Four Seasons. Auf dem Alten Kontinent zeigte Emmanuel Macron seinem Gast beim privaten Louvre-Rundgang ausserhalb des Protokolls das Delacroix-Gemälde der barbusigen «Freiheit», bevor sich die jungen Hoffnungsträger ihrer beiden Nationen beim Abendessen zwei Stunden lang unter vier Augen unterhielten. Beide verstehen sich als neue Wegbereiter, die mit grossem Elan und Reformmut zur Sache gehen.

Gegenüber Kritik nahm der 40-jährige Macron seinen Besucher aus Saudi-Arabien dann auch ausdrücklich in Schutz: «Ich höre legitime Fragen aus der Zivilgesellschaft und von Journalisten über Menschenrechte und andere sensible Themen, aber man muss auch in Betracht ziehen, was derzeit im Nahen Osten vor sich geht», sagte der französische Staatspräsident. Mohammed bin Salman sei ein junger Staatslenker, der demnächst die höchste Funktion in seinem Land ausüben werde, «wo 70 Prozent der Bevölkerung unter 30 Jahren ist».

Applaus für die Entmachtung der Religionspolizei

Es sind vor allem diese jungen Saudis, die dem Kronprinzen applaudieren, weil sie endlich Anschluss haben wollen an die moderne Welt. Energischer als alle bisherigen Potentaten wies Mohammed bin Salman das religiöse Establishment im 32-Millionen-Einwohner-Staat in die Schranken und entmachtete die Religionspolizei. «Wir wollen dahin zurück, was wir einmal waren, ein Ort des moderaten Islam, der offen ist gegenüber allen Religionen und offen gegenüber der Welt», erklärte er. «Was in den letzten 30 Jahren passiert ist, das ist nicht Saudi-Arabien.» Man werde nicht weitere 30 Jahre mit solch destruktiven Ideen zubringen, las er seinem ultrakonservativen Klerus die Leviten.

Für viele junge Saudis ist MBS, wie sie ihn nennen, ein Idol, weil er Schwung in die erstarrten Verhältnisse bringt. Auch dessen rabiate Verhaftungswelle gegen fast 400 korrupte ­Geschäftsleute und selbstherrliche Prinzen findet ihren Beifall, während internationale Menschenrechtsorganisationen Folter, Erpressung und Willkür anprangerten. Dass seine Majestät sich gleichzeitig für 800 Millionen Euro eine Luxusyacht im Mittelmeer und ein Schloss in Frankreich kaufte, darüber sehen die meisten seiner Landsleute hinweg. Gesprächspartner beschreiben den wohl schillerndsten Mann der Arabischen Halbinsel als ehrgeizig, intelligent, hart arbeitend und gut informiert. Seine Gäste empfängt er bisweilen auch weit nach Mitternacht.

Unter dem Twitter-Beifall des Volkes setzte er bei seinem König-Vater Salman ibn Abd al-Aziz durch, dass Frauen von Juni 2018 an Auto fahren dürfen, etablierte eine «Nationale Behörde für Unterhaltung» und gab grünes Licht für Open-Air-Konzerte. Nächste Woche wird das erste Kino eröffnet, bis 2030 sollen 350 weitere folgen. Ein eigenes Opernhaus und Symphonieorchester sind ebenfalls geplant. In Riyadh findet diese Woche die erste Modemesse statt. Und geht es nach dem umtriebigen Thronfolger, soll auch der Zwang für Frauen, sich in der Öffentlichkeit nur mit Kopftuch und langer dunkler Abaya zu kleiden, demnächst fallen.

Bequemem Nachwuchs Beine machen

Das dickste Brett jedoch, an dem der Kronprinz bohrt, ist der saudische Arbeitsmarkt. Bislang existierte im Königreich die paradoxe Situation, dass 30 Prozent des eigenen Nachwuchses arbeitslos war, während zehn Millionen Migrantenarbeiter aus Indien, Pakistan, Bangladesch und den Philippinen die privaten Geschäfte, Hotels und Handwerksfirmen am Laufen hielten. 80 Prozent aller saudischen Männer sind im öffentlichen Dienst beschäftigt und geniessen ihren gut dotierten Müssiggang, der in der Regel nach dem Mittagsgebet um 14 Uhr endet.

Auch viele Jungen, von denen jedes Jahr zusätzliche 250 000 auf den Arbeitsmarkt drängen, wollen vor allem eins – einen bequemen Staatsjob mit Sessel, Schreibtisch und Klimaanlage. Auf dem Bau, in Restaurants oder im Einzelhandel zu arbeiten, empfinden sie dagegen unter ihrer Würde, die Löhne als lachhaft gering. Diese Verwöhnten wollen der rastlose Kronprinz, sein Arbeitsminister sowie die frisch ernannte erste weibliche Vizearbeitsministerin des Landes jetzt auf Trab bringen. Für junge arbeitslose Saudis organisiert der Staat bereits Jobbörsen. Mehr und mehr Berufe werden nun auch für Frauen geöffnet. Auf 140 neu geschaffene Stellen für Grenzpolizistinnen an Flughäfen gab es kürzlich rund 107 000 Bewerbungen. Gleichzeitig bekommen Firmen und Geschäfte immer höhere Quoten für saudisches Personal auferlegt, auch wenn sich eigentlich auf dem heimischen Arbeitsmarkt keine ausreichend qualifizierten Bewerber finden.

Der absolute Renner sind derzeit Staatsdarlehen für sogenannte Foodtrucks, mit denen sich junge Saudis selbstständig machen können. Überall an den Promenaden, auf Parkplätzen oder an grossen Ausfallstrassen stehen nun die rollenden Imbissbuden, die unter anderem Eis, Kaffee, Tee, Burger oder Grillspiesse anbieten. Die meisten dieser neuen Kleinunternehmer sind Frauen, deren Anteil am Arbeitsmarkt bis 2030 von derzeit 18 auf 30 Prozent steigen soll. «Wie findet ihr mein Design?», begrüsst die 38-jährige Amal Qahtani fröhlich ihre Kunden. Unter ihrem Gesichtsschleier strahlt die Mutter zweier Töchter Tatkraft und Lebensfreude aus. Die drei Meter hohe Teekanne, in der sie Kaffee und Tee brüht, hat sie selbst entworfen, für 35000 Euro in einer Fabrik in Riyadh fertigen und dann per Tieflader zur Corniche von Dammam im Osten des Landes bringen lassen. «Endlich bekommen wir Frauen jetzt Unterstützung von ganz oben», sagt sie. «Ich bin froh, dass meine Töchter es einmal leichter haben werden.»


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