Er ist der Mann, der in Las Vegas Antworten finden muss

USA ⋅ Sheriff Joseph «Joe» Lombardo ist der Chef des Las Vegas Metropolitan Police Department. Nach dem Amoklauf mit 58 Toten muss er rasch Resultate vorweisen.
08. Oktober 2017, 08:30

Er hat sich an viel gewöhnt – weil der Sheriff des Verwaltungsbezirks Clark County in Nevada, der an der Spitze des Las Vegas Metropolitan Police Department steht, mit allem rechnen muss. Zwei Millionen Menschen wohnen in der Glücksspieloase in der Wüste von Nevada. Hinzu kommen jährlich fast 43 Millionen Touristen, darunter auch gegen 46000 Schweizer.

Was Sheriff Joseph «Joe» Lombardo (54) aber in den vergangenen Tagen erlebt hat, das hat den abgebrühten Gesetzeshüter sichtlich gezeichnet – weil das Verbrechen, das der Amokläufer Stephen Paddock (64) am letzten Sonntag beging, auch einen abgeklärten Profi erschüttert. Weil sich unter den 58 Opfern Paddocks auch einer seiner rund 4000 Polizisten befand. Und weil Lombardo auch sieben Tage nach der Tat mehr oder ­weniger im Dunkeln zu tappen scheint, wenn die Rede auf das Motiv des Amokläufers kommt.

Vom Streifenpolizisten zum Sheriff

Lombardo wurde 2014 zum Sheriff gewählt, nach einem hart geführten Wahlkampf. Der Sieg des Republikaners war die Krönung einer langen Karriere in den Rängen der Polizei von Las Vegas. Rund ein Vierteljahrhundert lang hatte sich Lombardo von ganz unten, vom Streifenpolizisten, beharrlich nach oben gearbeitet. Vor seiner Wahl zum Sheriff amtierte er als Nummer 2 der Polizei, die nicht nur für den Bezirk Clark County zuständig ist, sondern auch für die Stadt Las Vegas. Er setze sich dafür ein, dass sich ­Familien und Geschäftsleute im Verwaltungsbezirk Clark County sicherer fühlten, lautete sein Slogan im Wahlkampf. Kürzlich gab Lombardo bekannt, er werde sich 2018 um eine Wiederwahl bemühen, als Chef des «besten Polizeidepartements in Amerika». Während seiner Amtszeit habe er mehr Polizisten rekrutiert, sie mit der neusten Technologie ausgestattet und die Verwurzelung der Ordnungshüter in der Bevölkerung verbessert.

Lombardo galt anfänglich als Kopfmensch, dem es an Charisma fehle. Dieses Defizit hat er in den drei Jahren seit seinem Amtsantritt etwas wettgemacht – ohne dass er dabei seine Kanten einbüsste. So liess der Sheriff während seiner regelmässigen Presseauftritte durchscheinen, dass er frustriert über die zahlreichen falschen Gerüchte sei, die über das Massaker kursierten. Andererseits wirkte er selbst im Angesicht eines schier unfassbaren Verbrechens gefasst, womit er eine Massenpanik in der Touristenmetropole verhinderte.

Lombardo ist sich bewusst, dass er rasch Resultate vorweisen muss, will er das Vertrauen der Bevölkerung nicht verlieren. Ab und zu liess er vorige Woche durchscheinen, dass auch er schier verzweifle, weil er das ­Rätsel nicht lösen könne, das ­Stephen Paddock der Polizei aufgegeben hat. «Ich kann mich nicht in die Gedankenwelt eines Psychopathen versetzen»? sagte Sheriff Joe, und er sah plötzlich sehr müde aus.

 

Renzo Ruf, Washington


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