Die Abfalljäger von Dakar

SENEGAL ⋅ Eine der grössten offenen Mülldeponien der Welt liegt in der senegalesischen Hauptstadt. Die ökologische Zeitbombe ist Arbeitsplatz von rund 2500 Menschen – und Zentrum einer Schattenwirtschaft.
09. November 2017, 07:40

Katja Müller, Dakar

Es ist Mittag, die Sonne glüht über Senegals Hauptstadt Dakar. Trotzdem ist es düster, man sieht kaum ein paar Meter weit. Dicke Rauchschwaden ziehen vorbei. Hier und da sind Menschen zu erkennen, die grosse Bündel auf dem Rücken tragen oder auf dem Kopf balancieren. Knöcheltief waten sie durch Abfall. Andere drängen sich hinter einen Last­wagen, der gerade Haushaltsabfälle ablädt. Mitten im beissenden Rauch suchen sie nach ­Plastik, Eisen oder sonstigen Überresten, die sie wiederverwerten und verkaufen können. Die Szenerie hat etwas Apokalyptisches.

Die sogenannte Plattform ist das Zentrum von Mbeubeuss, laut dem von Umweltorganisationen und Forschungszentren herausgegebenen «Environmental Justice Atlas» eine der grössten offenen Mülldeponien der Welt. 300 Lastwagen laden hier Haushalts- und Industrieabfall ab, mehr als 2000 Tonnen täglich.

Tonnenweise Müll – mitten im Wohngebiet

Die Deponie liegt in einem Aus­senquartier Dakars, mitten im Wohngebiet und ist fast zwei Quadratkilometer gross. Hier zeigt sich das Abfallproblem Senegals, wie auch vieler anderer afrikanischer Länder, am deutlichsten. Was nicht irgendwo illegal entsorgt oder verbrannt wird, landet auf einer Mülldeponie. Dort bleibt der Abfall liegen. Die einzige Form von Recycling liegt in den Händen privater Abfallsammler.

Die Plattform bildet somit das Plateau eines gigantischen Bergs von Abfall, der sich während Jahrzehnten gebildet hat und mit jeder Plastikflasche, die in der 4-Millionen-Stadt in einen Abfalleimer geworfen wird, weiter wächst. Ökologisch ist Mbeubeuss daher eine tickende Zeitbombe. Ausser dem Gewicht der Lastwagen wird auf der Deponie praktisch nichts kontrolliert – obwohl sie eigentlich unter staatlicher Aufsicht steht. Die Müllhalde, auf der seit 1968 Abfall abgeladen wird, ist nicht gesichert. Eine Studie des Institut Africain de Gestion Urbaine hat vor einigen Jahren die Risiken aufgezeigt. Die Abfälle, darunter Schwermetalle, verschmutzen den Boden, das nahe gelegene Meer und die Luft. Die Anwohner und ihre Tiere sind ebenso bedroht wie die Abfallsammler und Verkäufer, die auf der Deponie arbeiten. Das Grundwasser ist verseucht. Eine soziale Katastrophe – denn die Anwohner der Deponie sind auf das Wasser aus ­den umliegenden Brunnen angewiesen.

Die Regierung will Mbeubeuss seit Jahren auflösen, passiert ist allerdings bis heute nichts. Gescheitert ist die geplante Schliessung nicht zuletzt am Widerstand der Abfallsammler, die ihren Lebensunterhalt auf der Mülldeponie verdienen. Sie sind organisiert in der Vereinigung Bokk Diom. Wie viele Personen hier arbeiten, ist unklar, Schätzungen sprechen von rund 2500, unter ihnen Frauen und Kinder. Etwa 400 Personen hausen in improvisierten Hütten aus Stoff und Holz auf der Mülldeponie.

Die Abfallsammler arbeiten unter miserablen Bedingungen, doch sie können sich und ihre Familien über die Runden bringen. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem der Weltbank zufolge 47 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben. Adama Soumaré kennt die Arbeiter von Mbeubeuss seit Jahren, er war für verschiedene Hilfsorganisationen tätig. Er glaubt nicht, dass sich rasch etwas ändern wird.

Im Moment gehe es vor allem darum, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die ökologischen Gefahren einzudämmen. Soumaré versucht, die Abfallsammler in Projekte einzubinden, mit denen ihre Position gestärkt werden soll.

Kinder leiden besonders unter Lebensbedingungen

Frauen nehmen ihre Kinder oft mit zur Arbeit, weil sonst niemand auf sie aufpassen kann. Sie sind den Gefahren am schutzlosesten ausgesetzt. Viele Abfallsammler und Anwohner kämpfen ausserdem mit gesundheitlichen Problemen.

Atemwegserkrankungen sind laut Adama Soumaré deutlich höher als in anderen Gegenden, obwohl die Abfallsammler von sich behaupten, sie seien kerngesund. «Wir sind von so vielen Keimen umgeben, dass wir mittlerweile immun dagegen sind», behauptet Bokk-Diom-Präsident El Hadji Malick Diallo. Trotzdem räumt auch er ein, dass viele Arbeiter über Husten klagen oder Unfälle erleiden.

Harouna Niasse arbeitet seit 12 Jahren auf der Deponie. Jeden Morgen kommt er nach Mbeubeuss, zieht seine Arbeitskleidung an – ein altes T-Shirt eines Fussballklubs und eine Jeans – und wartet auf den Lastwagen einer Zementfabrik. In dessen Ladung sucht er nach Plastik, Gummi und Eisen.

Wie ein Goldgräber wühlt er in den Bergen von Abfall, in der Hoffnung auf den Coup, den einen Fund, der ihm so viel Geld einbringt, dass er aufhören kann. Oder zumindest seinen eigenen Platz als Händler aufbauen kann. «Die Deponie hat viele Geheimnisse, man weiss nie, wann man eins entdeckt», sagt Niasse. Auf einen Schlag könne sich alles ändern. Niasse berichtet von anderen, die das grosse Geld gemacht haben. Er sagt, er sei zufrieden, die Arbeit gefalle ihm besser als sein früherer Job als Nachtwächter. «Wir respektieren uns, es herrschen Solidarität und Gemeinschaftssinn.»

Arbeiten in der unsichtbaren Hierarchie

Niasse, gross, hager, mit wachen Augen, ist nebenbei General­sekretär von Bokk Diom. Der 49-Jährige ist bekannt, plaudert an jedem Unterstand und überbringt Informationen der Vereinigung. In der unsichtbaren Hierarchie von Mbeubeuss hat er sich hochgearbeitet. Auch er fing auf der Plattform an, wo er sich mit allen anderen auf die Lastwagen mit Haushaltsabfällen stürzte. Nach einigen Jahren konnte er zu den «Privaten» wechseln, zu jenen Lastwagen, die den Abfall direkt von einzelnen Unternehmen zur Deponie bringen. Seinen Lastwagen bearbeitet er zusammen mit einigen Kollegen, kein anderer Abfallsammler darf dort mitsuchen. Niasses Beute lagert unbeaufsichtigt unter einem Baum. Eine Beaufsichtigung ist auch nicht notwendig. Niemand wagt es, sie anzurühren.

Organisiertes Chaos

Solche Bündel mit gesammelten Waren – von Plastikstühlen bis zu Metalldosen – liegen säuberlich sortiert auf dem ganzen Gelände rund um die Plattform. Hier hat Mbeubeuss nichts von der bedrohlichen Atmosphäre der Plattform, fast wirkt es beschaulich.

Das Chaos hat System. Je tiefer man in die Welt von Mbeubeuss eintaucht, desto sichtbarer werden Strukturen und Hierarchien. Im Schatten des Müllbergs haben sich eine eigene Stadt und ein informeller Wirtschaftszweig entwickelt. Neben den Abfallsammlern gibt es Händler, die Plastik und Eisenwaren ein- und später an Unternehmen weiterverkaufen. Einige dieser Händler beschäftigen sogar Angestellte.

Andere Abfallsammler verkaufen ihre Waren direkt. Zu ihnen gehört auch Bokk-Diom-­Generalsekretär Niasse. Einer seiner Kunden kommt jeden Donnerstag vorbei. Heute kauft er einen langen Gummistreifen, der genutzt wird, um Pferdekarren zu reparieren, oder als Staubschutz hinter die Heckräder von Autos montiert wird. Irgendwo in Dakar wird bald ein Fahrzeug mit einem Gummistück versehen, das vor kurzem noch auf der dampfenden Müllhalde von Mbeubeuss lag.


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