Die Hauptautorin des Weltklimaberichts glaubt an eine Lösung des Klimaproblems

KLIMAWANDEL ⋅ Die bei Helvetas in der Entwicklungszusammenarbeit tätige Inderin Rupa Mukerji wirkt beim nächsten Weltklimabericht an vorderster Front mit. Es ist für sie noch nicht zu spät, die katastrophalen Folgen des Klimawandels abzuwenden.
14. April 2018, 07:21

Interview: Balz Bruder

Rupa Mukerji, wie haben Sie reagiert, als Sie von Ihrer Nominierung als Hauptautorin für den Weltklimabericht erfuhren? Über­raschung oder «business as usual»?

Ich war überrascht und fühlte mich geehrt! Dass ich vom Weltklimarat – dem Intergovernmental Panel on Climate Change – als Hauptautorin ausgewählt wurde, freut mich aus drei Gründen: Erstens ist es ein Zeichen der Anerkennung, dass mich die Schweiz nominiert hat, nachdem mich mein Heimatland Indien für den früheren Klimabericht vorgeschlagen hatte. Zweitens bedeutet es, dass meine Arbeit geschätzt wird. Und drittens freut es mich, dass ich wieder dabei bin, weil ich den Prozess bereits kenne und meinen Beitrag noch ziel­gerichteter beisteuern kann.

Was ist Ihre Motivation für das Engagement: die Liebe zu Visionen oder das Bedürfnis zu helfen?

Ich habe zwei Hauptmotivationen: Einerseits will ich helfen sicherzustellen, dass die Erfahrungen aus der Praxis in die politische Entscheidungsfindung einfliessen. Mit Praxiserfahrungen meine ich das Wissen, wie Betroffene – unter anderem in Entwicklungsländern – mit den Folgen des Klimawandels umgehen, welche Bewältigungs- und Anpassungsstrategien man kennt, worin die Herausforderungen bestehen. Andererseits möchte ich dazu beitragen, dass die ­neuesten Erkenntnisse in unsere Arbeit einfliessen können, damit wir die Menschen in den Helvetas-Projekten noch besser dabei unterstützen können, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen und widerstandsfähiger zu werden.

E geht um Klima und Klimawandel. Wo sind die konkreten Berührungspunkte zu Ihrer Arbeit als Spezia­listin für Entwicklungszusammenarbeit bei Helvetas?

Meine Arbeitsgruppe befasst sich mit den Auswirkungen des Klimawandels, wer und was anfällig ist für diese Auswirkungen und was man tun kann, um sich an diese Veränderungen anzu­passen. Es geht also sehr konkret um Menschen, Ökosysteme und die Gesellschaft – Themen, mit denen ich mich als Expertin bei Helvetas tagein, tagaus befasse. Eine zentrale Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist die Frage, wie die Ziele der UNO-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens in Einklang gebracht werden können.

Was bedeutet das?

Die Kernfragen sind diese: Ist es beispielsweise möglich, die Armut zu beseitigen und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen so zu begrenzen, dass die globale Durchschnittstemperatur bis zum Ende dieses Jahrhunderts nicht über 2 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau ansteigt? Oder: Ist eine wirtschaftliche Entwicklung –insbesondere für ärmere Länder – möglich, ohne das Klima weiter zu belasten? Darauf brauchen wir Antworten.

Was ist für Sie die grösste Heraus­forderung dabei?

Ganz klar, dass die Auswirkungen des Klimawandels insgesamt für uns alle negativ sind – es gibt keine Gewinner, alle sind betroffen. Diejenigen Menschen, die den Klimawandel nicht als Problem sehen, gehören zu einer Generation, welche die drastischsten Auswirkungen des Klimawandels nicht mehr erleben wird. Gleichzeitig besetzen einige von ihnen Entscheidungspositionen – und können damit die zukünftigen Generationen ­gefährden.

Was leiten Sie aus dieser Aussage konkret ab?

Es ist eine grosse Herausforderung, dass Politiker oft kurzfristig denken, mit Blick auf die nächsten Wahlen. Die Folgen des Klimawandels aber zeigen sich mittel- und langfristig. Dies beginnt sich jetzt jedoch zu ändern, da die Auswirkungen des Klimawandels in verschiedenen Teilen der Welt konkret spürbar werden: durch extremeres Wetter, häufigere Dürre- und Überschwemmungsphasen, heftigere Hurrikane und demzufolge Migration und sogar bewaffnete Konflikte.

Ironie des Schicksals, je mehr Menschen unter politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leiden, desto stärker sind sie von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen.

Ja, die Ärmsten dieser Welt sind leider oft auch am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen – respektive: Sie haben in der Regel weniger Ressourcen und Möglichkeiten, mit diesen Auswirkungen umgehen zu können. Das ist auch darum stossend, weil die Ärmsten den Klimawandel am wenigsten verursachen. Für den Klimawandel sind vor allem wir mit unserem Lebensstil verantwortlich.

In welcher Weise beeinflusst der Hintergrund, den Sie als in Indien geborene Wissenschafterin haben, Ihre Arbeit?

Ich hatte die Chance, in unterschied­lichen Teilen der Welt zu leben, von tief ländlichen Gebieten bis hin zu Megastädten. Durch meine Arbeit bin ich in verschiedene Regionen gereist und habe eng mit Menschen zusammengearbeitet, die für ihr Überleben abhängig sind von den natürlichen Ressourcen wie Land, Wald und Wasser. Ich weiss sehr genau, was ein verspäteter Monsun für einen Landwirt in Indien bedeutet, der keine Bewässerungsquellen hat, ganz auf den Regen vertrauen muss und nur einmal pro Jahr ernten kann. Ich habe selber erfahren, was der Anstieg des Meeres­spiegels für die Siedlungen an der Küste Bangladeschs bedeutet, und habe mit eigenen Augen gesehen, wie es in so vielen Teilen der Welt eine tägliche Herausforderung ist, genug Trinkwasser beschaffen zu können. Dank all dieser persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse, für die ich so dankbar bin, sind Wetterdaten und Klimaszenarien für mich nie trockene Statistik – ich sehe die Gesichter und Geschichten der betroffenen Menschen dahinter.

Wenn Sie Ihr Leben in der Schweiz anschauen: Verändert es die Sichtweise auf die grossen Probleme, mit denen Sie in Ihrer täglichen Arbeit konfrontiert sind? Oder spielt das keine Rolle?

Mir fällt auf, wie viel Liebe und Respekt die Menschen in der Schweiz der Natur entgegenbringen, das beeindruckt mich sehr – und ich teile diese Haltung. Ich geniesse die Schönheit dieses Landes zu allen Jahreszeiten. Die Möglichkeit, meine Freizeit in der Natur zu verbringen, ist ein einzigartiges Privileg. Meine Familie besitzt auch kein eigenes Auto, der öffentliche Verkehr ist ein tolles Geschenk in diesem Land. Natürlich sehe ich auch den enormen Reichtum hierzulande, der unter anderem systematische Investitionen erlaubt in die Vor- oder Nachsorge klimabedingter Katastrophen. Dies ist Entwicklungsländern oft nicht möglich – eine ungerechte Situation. Die Entwicklungsländer investieren zwar in Klimaanpassungsmethoden, doch ohne un­sere Unterstützung reicht es nicht.

Ehrlich gesagt: Gibt es noch Hoffnung, Wege und Lösungen für den Klimawandel und seine Auswir­kungen auf gleichberechtigte und nachhaltige Weise zu finden? Oder versuchen wir bloss noch, die Spitze des Eisbergs zu managen?

Es besteht noch immer die Möglichkeit, rechtzeitig ernsthafte Massnahmen zu ergreifen, um katastrophale Auswirkungen des Klimawandels abzuwenden. Ich glaube an die jüngere Generation. Die Frage, die zu beantworten ist, lautet: Werden wir Inseln der Sicherheit und des Wohlstands haben, die sich vehement verteidigen – oder ist eine gerechtere Welt möglich? Die Antwort liegt bei uns, in den reicheren Ländern.


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