Hunderttausende Griechen verlassen ihre Heimat aus Verzweiflung

AUSWANDERUNG ⋅ Hunderttausende Griechen verlassen ihre Heimat, weil sie dort keine Zukunft für sich und ihre Kinder sehen. Die heimische Wirtschaft wird noch Jahrzehnte brauchen, bis sie sich erholt hat.
05. Dezember 2017, 08:15

Gerd Höhler, Athen

«Das werde ich vermissen», sagt Alexandros und sieht sich um. Wir sitzen in einem Strassencafé an der Athener Platia Mavili. Die Menschen geniessen plaudernd den warmen Abend. Die untergehende Sonne schickt ihre Strahlen durch das dichte Laub der Bäume. «Das war wohl vorerst mein letzter griechischer Sommer», sagt Alexandros mit etwas Wehmut. Er will auswandern. Seit sechs Monaten lernen seine Frau und er Deutsch an einer Abendschule. Im ­Internet sucht er nach Jobangeboten. «Deutschland, Österreich, Schweiz, gern auch ein Benelux-Land», sagt Alexandros, «Hauptsache weg.»

Der 38-Jährige ist kein Versager. Er hat einen gut bezahlten Job im gehobenen Management eines der grössten griechischen Unternehmen. Auch seine Frau hat einen sicheren Arbeitsplatz bei der Athener Niederlassung eines internationalen Konzerns. «Wir gehen nicht aus Not», erklärt Alexandros, «sondern weil wir in Griechenland keine Zukunft sehen – nicht für uns und nicht für unsere Kinder.».

Vor allem Fachkräfte wandern aus

Seit Beginn der Finanzkrise 2009 hat Griechenland einen Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren. Hunderttausende Griechinnen und Griechen wanderten aus. Das Land erlebt einen beispiellosen Braindrain. Griechenland hat eine lange Auswanderertradition. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts suchten Hunderttausende ein besseres Leben in Nord- und Südamerika, Australien und Süd­afrika. In den 1960er- und 70er-Jahren wanderte mehr als eine Million Griechen in andere europäische Länder aus. ­Während es damals vor allem ungelernte Arbeitskräfte waren, verliert das Land jetzt seine besten Talente.

Eine Studie der griechischen Zentralbank zeigt das Ausmass der Massenflucht. Zwischen 2008 und 2014 haben 427 000 Griechen ihrem Land den Rücken gekehrt – überwiegend Akademiker, Fachkräfte und hochqualifizierte Manager. Nach Angaben der Athener Ärztekammer haben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 11 000 Mediziner ihr Land verlassen. Mit dem Wahlsieg des Linkssozialisten Alexis Tsipras 2015 und dem Rückfall der Wirtschaft in die Rezession verstärkte sich die Auswanderungswelle noch einmal.

Eine Auswanderin ist Stella Parissi. Vor drei Jahren hat sie ihre Heimatstadt Thessaloniki verlassen. «Der Mangel an beruflichen Chancen, die Vetternwirtschaft und die schlechten wirtschaft­lichen Aussichten des Landes waren die Hauptgründe», erzählt die Griechin. «Ich war damals 30 und schämte mich, in diesem Alter immer noch nicht für mich selbst sorgen zu können, sondern meinen Eltern auf der Tasche zu liegen.» Jetzt arbeitet Stella als Informatikerin an der Universität Oldenburg. Die Griechin fühlte sich in Deutschland von Anfang an akzeptiert. An manches in Deutschland kann sie sich aber auch nach drei Jahren nicht gewöhnen: «Zum Beispiel an leere Strassen an einem Sonntagabend im Sommer . . .» Griechenland vermisse sie «jeden Tag», sagt Stella. «Die Wärme der Menschen, die Spontaneität des Lebens, das Essen, das Meer» – das alles fehlt der jungen Frau. «Eines Tages werde ich zurückkehren», sagt sie, «wenn die Verhältnisse in Griechenland es zulassen . . .»

Bei der Wettbewerbsfähigkeit noch hinter Tadschikistan

«Die neuen griechischen Auswanderer sind zwar sehr anpassungsfähig, sie haben meist gute Fremdsprachenkenntnisse und ein hohes Bildungsniveau, was ihnen die Integration erleichtert, aber zugleich bleiben sie ihrem Land emotional sehr eng verbunden», sagt Nikos Stampoulopoulos. Der 47-Jährige ist 2009 angesichts der beginnenden Krise nach Amsterdam ausgewandert. Ende 2014 kehrte der Filmemacher nach Athen zurück und betreibt jetzt die Internetseite Nea Diaspora. «Wir geben ausgewanderten Griechen die Möglichkeit, sich zu vernetzen und auszutauschen, wir geben ihnen eine Stimme», sagt Nikos. Auf die Idee kam er in Amsterdam. «Nach 2010 kamen immer mehr Griechen, um sich dort niederzulassen, jede Woche sah man neue Gesichter, und jeder Neuankömmling hatte viele Fragen», erinnert sich Nikos. So entstand das Netzwerk Nea Diaspora. Die meisten Auswanderer, die er in den Krisenjahren in Amsterdam kennen lernte, hatten einen Hochschulabschluss, nicht wenige gaben gut bezahlte und sichere Jobs auf, um ins Ausland zu gehen. «Die meisten sind nicht vor Armut oder Arbeitslosigkeit geflohen, sondern vor dem ‹System Griechenland›, vor der Vetternwirtschaft und der Korruption, der Bürokratie, dem politischen Stillstand und der gesellschaft­lichen Apathie», erklärt Nikos.

Die Regierung spielt das Problem herunter. Wirtschaftsminister Dimitris Papadimitriou hält die von der griechischen Zentralbank genannten Zahlen für viel zu hoch gegriffen. Nicht 400 000 bis 500 000 seien ausgewandert, sondern höchstens 120 000, sagte der Minister im September. Dabei hätten die Politiker allen Grund, das Thema ernst zu nehmen. «Neben der Armut ist die Auswanderung die gravierendste Folge der Krise», sagt die Wirtschaftswissenschafterin Sofia Lazaretou, Verfasserin der Migrations-studie der griechischen Zentralbank. Für Griechenland ist die neue Auswanderungswelle ein teurer Aderlass. Die Ausbildung eines Arztes kostet den Staat rund 100 000 Euro, die eines Ingenieurs mehr als 50 000 Euro. Dieses Geld ist verloren, wenn die Akademiker nach ihrer Ausbildung ins Ausland gehen. Die Nichtregierungsorganisation Endeavor Greece schätzt, dass die griechischen Migranten in ihren Gastländern jährlich 12,9 Milliarden Euro zur Wirtschaftsleistung beitragen. Griechenland verliert also nicht nur seine besten Talente, sondern auch sehr viel Geld.

«Das ist nicht mehr mein Griechenland»

Nach acht Jahren Rezession wächst Griechenlands Wirtschaft zwar wieder, 2017 voraussichtlich um rund zwei Prozent. Aber der Aufschwung steht auf schwachen Beinen. In der jüngsten Rangliste des Weltwirtschaftsforums (WEF) zur Wettbewerbsfähigkeit fiel Griechenland vom 86. auf den 87. Platz zurück. Es liegt hinter Iran, Albanien und Tadschikistan. Bei der Arbeitslosigkeit bleibt Griechenland mit 21 Prozent trauriger Spitzenreiter in Europa. Unter den 15- bis 24-Jährigen beträgt die Quote sogar 43 Prozent.

Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts INE prognostiziert, dass die Arbeitslosigkeit frühestens 2036 wieder auf das Niveau vor Beginn der Krise zurückgehen wird. «So lange kann ich nicht warten», sagt Alexandros. «Wir schulden unseren Töchtern eine Zukunft, und die sehe ich in diesem Land nicht.» Von der Politik erwarte er nichts, sagt der 38-Jährige. «Dies ist nicht mehr mein Griechenland», stellt er enttäuscht fest. Alexandros weiss, wor­auf er und seine Familie sich ein­lassen: «Mehr als ein Dutzend meiner Freunde sind bereits ausgewandert, und keiner hat es bereut.» Wird ihm also im Ausland nichts fehlen? «Doch», sagt er: «Die Warmherzigkeit der Menschen, die Sonne, das Meer, die Freiheit, die man in Griechenland schon als Kind hat . . .»

Nikos Stampoulopoulos ist einen Schritt weiter. Er will mit seiner Webseite Nea Diaspora auch jenen Auswanderern eine Plattform bieten, die an eine Rückkehr nach Griechenland denken. «Viele wollen zurück, aber dafür muss sich Griechenland ändern», sagt Nikos Stampoulopoulos. «Das Fatale ist nur: Bisher gehen genau jene weg, die diesen Wandel in der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft herbeiführen könnten.»

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