Kopf des Tages

Donald Trumps netter Polizist

REX TILLERSON ⋅ Der ehemalige Öl-Manager ist seit einem halben Jahr Aussenminister der USA. So richtig angefreundet hat er sich mit der Rolle allerdings nicht.
12. August 2017, 09:35

Man kennt es bestens aus billig gemachten amerikanischen Krimis: Im Polizeiverhör übernimmt ein Ordnungshüter die Rolle des «Good Cop», um das Vertrauen des Tatverdächtigen zu gewinnen. Sein Kollege hingegen ist der «Bad Cop», der sich nicht beherrschen kann – und ständig Drohungen gegen den angeblichen Missetäter ausstösst.

Dieses Muster ist auch im Weissen Haus populär. Schon Richard Nixon etwa liess Ende der Sechzigerjahre verbreiten, er sei derart verrückt, dass er das nordvietnamesische Regime mit einer Atombombe angreifen könnte. Fraglos scheint auch Donald Trump in der aktuellen Krise mit Nordkorea die Rolle des bösen Bullen derart überzeugend geben zu wollen, dass eine Oscar-Nominierung in greifbare Nähe rückt. Zuletzt schrieb er auf Twitter, dass das US-Militär «geladen und entsichert» bereitstünde.

Wer aber ist der «Good Cop» in der US- Regierung, der das Regime in Pjöngjang zur Vernunft bringen soll? Eigentlich müsste Rex Tillerson diesen Part übernehmen, der ehemalige Konzernchef von Exxon Mobil, der seit sechs Monaten als Aussenminister amtiert. Der 65-jährige Tillerson tut sich aber schwer damit, sich mit seiner Rolle abzufinden. Das hat zum einen damit zu tun, dass er keine Regierungs­erfahrung besitzt. Zum andern stösst sein Führungsstil im Aussenministerium mit seinen 75 000 Angestellten auf harsche Kritik, auch weil sich die Diplomaten daran gewöhnt haben, weitgehend selbstständig zu arbeiten. So berichtete die «New York Times» kürzlich, dass Tillerson und sein Stab darauf beharrten, selbst Routinetätigkeiten abzusegnen. Angeblich wurden auch die Glückwünsche zum 1. August, die Tillerson in die Schweiz schickte, auf der Chefetage des State Departments formuliert.

Auf das Betriebsklima hat sich diese Art engster Kontrollen bisher eher negativ ausgewirkt. Angestellte beklagen sich darüber, dass sich Tillerson nicht ausreichend für das Aussenministerium ein­setze – zum Beispiel im Verteilungskampf um knappe Budgetmittel. Auch hat es der oberste Diplomat bisher versäumt, Kandidaten für die wichtigsten Chefposten im State Department zu nominieren. So steht an der Spitze jener wichtigen Abteilung, die auch für Nord­korea zuständig ist, derzeit nur eine kommissarisch amtierende Berufsdiplomatin.

Tillerson mag diese Kritik egal sein. Er sieht seine Aufgabe darin, einem Präsidenten zu dienen, der die Aussenpolitik seines Landes selber gestaltet. Im Gegensatz zu den Vorgängern John Kerry und Hillary Clinton verzichtet der ehemalige Manager deshalb auch darauf, regelmässig vor die Presse zu treten. Und wenn er es denn doch tut, so wie am vergangenen Mittwoch, dann lobt er Trump ausdrücklich für seine «Bad Cop»-Routine. Die «starken» Botschaften des Präsidenten richteten sich an Kim Jong Un, sagte Tillerson, weil dieser die «Sprache der Diplomaten» nicht verstehe. Die Sprache also, die er selber sprechen müsste. Wenn er denn in seiner neuen Rolle angekommen wäre.

 

Renzo Ruf, Washington

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